| Für immer
Dein...
Gruppenausstellung mit Johannes Evers, Sandra Hauser, Anna
Jermolaewa, Leigh Ledare, Robert Melee, Björn Rodday, Anna Witt.
Kuratiert von Verena Seibt und
Christian Hartard. 19. März – 24. April 2010,
lothringer13/laden, München

Besprechung (Süddeutsche Zeitung):
 Pressetext:
| Raumplan:


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In der Wahl seiner Eltern kann man nicht vorsichtig genug sein. //
(Paul Watzlawick)
Irgendwann sind wir erwachsen, und aus den Eltern werden seltsame Leute, denen man mit
gemischten Gefühlen gegenübertritt: einer Haltung zwischen Vertrautheit und Fremdheit, Zuneigung
und Distanzierung, Bewunderung und manchmal Verachtung. Wir sind auf dem Sprung, wollen Abstand
gewinnen; und gleichzeitig ist da etwas, das uns festhält, weil wir in unseren Eltern wie durch einen
Zerrspiegel etwas sehen, das uns erschreckend nahegeht: uns selbst.

Robert Melee (New York): Mommy (9 Videos)
Party Girl Mommy / Marbleize Mommy Live / Winter / Upstairs Mommy / Bathtime Mommy /
I Always Think Of It / Popcorn Mommy / Facelift Mommy / High Life

Die neun Videos aus der Mommy-Serie (1996-2006) sind traurig-absurde Studien der alkoholkranken
Mutter des Künstlers: neun Versuchsanordnungen, die die Mutter aber nicht einfach
als hilfloses Opfer zeigen, sondern auch als Vamp, als Frau, die noch immer schön sein will,
die sich sträubt und gleichzeitig mit der Kamera kokettiert. „Melees Kunst ist bösartig und
grenzwertig. (...) Der schlechte Geschmack und die Flegelhaftigkeit eines John Waters und die
Schmuddeligkeit eines Paul McCarthy verschmelzen bei Melee zu einer durchgeknallten
Version der pathetischen 90er-Jahre-Ästhetik, mit jeder Menge Burschikosität, ein wenig
Verrücktheit und einer Prise Eminemscher Wut. Was Melee auszeichnet und vielleicht rettet –
abgesehen davon, dass er und seine Mutter sich gegenseitig willige Opfer sind – ist seine
unerbittlich strömende Liebe“ (Jerry Saltz).
Robert Melee (*New Jersey 1966) lebt in New York City.

Anna Witt (Wien): Die Geburt
Video, 10:48 min., 2003

Anna Witts Reinszenierung der eigenen Geburt
ist ebenso skurril wie ernst: denn der Versuch, in eine pränatale Geborgenheit zurückzukehren, ist
zum Scheitern verurteilt.
Anna Witt (*Wasserburg am Inn 1981), Studium an den Kunstakademien München und Wien, lebt in Wien.

Johannes Evers (München):
Pietà I /
Pietà II / David und Goliath
Videos, 4:13 min. / 1:47 min. / 6:01 min., alle 2009

Drei Experimente, die auf ironische Weise den
Rollentausch mit Vater und Mutter durchexerzieren.
Johannes Evers (*München
1979), Studium an der Akademie der Bildenden Künste München.

Sandra Hauser (München): Weißt Du, wie viel Sternlein stehen?
Video, 3:20 min., 2007

Donnernde Schläge lassen bunte Murmeln in hundert Splitter zerbersten –
eine metaphorische Abrechnung mit der Kindheit.
Sandra Hauser (*Bad Aibling 1983) studiert an der Akademie der Bildenden Künste München.

Leigh Ledare
(New York):
Pretend You’re Actually Alive
Künstlerbuch, 2008

Ledare gibt einen Einblick in die seltsam intime Dreiecksbeziehungen zwischen sich, seiner
Mutter – einer Ex-Tänzerin und Ex-Prostituierten – und ihren wechselnden Männern. „Die
(Liebes-)Beziehung (von Mutter und Sohn), festgehalten in den Fotos, Büchern, Filmen und Installationen
Ledares, ist eine Geschichte im permanenten Ausnahmezustand – voller Scham, Schonungsloskeit
und leiser Melancholie. Es ist eine radikal
persönliche Familiengeschichte von zwei Menschen, die sich ineinanderkrallen und
gegenseitig benutzen, ein ödipaler Exorzismus mit der fiebrigen Intensität eines Stücks von
Tennessee Williams...” (Adriano Sack).
Leigh Ledare (*Seattle 1976)
lebt in New York City, 2008
Assistant Professor Columbia University / N.Y.

Anna Jermolaewa (Wien):
Mutterschaft I
Video, 0:23 min. im Loop, 1999

Eine Parabel über Fürsorge und Vernachlässigung,
über Liebessehnsucht und Abhängigkeit.
Anna Jermolaewa (* Sankt Petersburg 1970) lebt in Wien und ist Professorin
für Medienkunst an der HfG Karlsruhe.

Björn Rodday (Mainz): INTROITUS Video, 5:18 min. 2006

Eine berührende Dokumentation der letzten
Reise mit der Urne des Vaters.
Björn Rodday (*1977), Kunststudium an den Akademien Nürnberg und Mainz, Medizinstudium an der
Universität Mainz.

Harry Harlow:
Cloth Mother Photographie, um 1960 (Kartenmotiv zu Für
immer Dein)

Der US-amerikanische Psychologe und Verhaltensforscher Harry Harlow (1905-1981) wurde international durch seine Experimente an jungen Rhesusaffen bekannt, mit denen er seit 1957 die Grundlagen der Mutter-Kind-Bindung untersuchte. Er setzte junge Äffchen ohne ihre Mutter in einen Käfig, in dem sie die Wahl zwischen zwei Attrappen hatten: einer aus Draht geformten, milchspendenden
wire mother und einer gleich großen, mit Stoff bespannten cloth
mother, die aber keine Milch spendete. Es zeigte sich, dass sich die Äffchen bei der Milchspenderin stets nur zur Nahrungsaufnahme aufhielten, sich ansonsten aber an die stoffbespannte Attrappe kuschelten: ein Hinweis darauf, dass die Befriedigung emotionaler Grundbedürfnisse ebenso notwendig ist wie das Bereitstellen rein physischer Lebensvoraussetzungen.

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