Über
den toten Punkt.
Die
Anfänge der informellen Malerei in Deutschland
//
Machen wir (...) eine kleine Reise ins Land der besseren
Erkenntnis. Über den toten Punkt hinweggesetzt sei die erste bewegliche Tat
(...).
//
(Paul
Klee: Schöpferische Konfession)
Brachland. Deutsche
Kunst nach dem 2. Weltkrieg
Die Suche nach Bildern
Die Hoffnung auf einen
Neuanfang und das Bewußtsein des unermeßlichen Verlustes: das waren die Pole,
die die Situation der Kunst in Deutschland nach dem Kriegsende 1945 markierten.
In beide Richtungen, im Blick zurück wie nach vorn, stand man an einem toten
Punkt. Zwölf Jahre der nationalsozialistischen Diktatur hatten auch in der
Kunst nichts als Ruinen hinterlassen: die besten unter den modernen deutschen Künstlern
waren als „entartet“ gebrandmarkt worden, die Museen ihrer Werke entleert,
das meiste verschleudert, vieles zerstört, manches Gerettete schließlich im
Bombenhagel zugrunde gegangen. Der überwiegende Teil der Großen unter den Künstlern
hatte Deutschland verlassen, viele kehrten nicht mehr zurück. Kirchner hatte
sich 1938 in der Schweiz erschossen, Klee war 1940 im Tessin gestorben; Ernst,
Arp, Kokoschka, Purrmann erlebten den Fall des „Dritten Reiches“ im Exil,
Dix, Oelze, Winter in Kriegsgefangenschaft; Beckmann, Feininger, Campendonk,
Hartung, Wols, Schwitters hatten im Ausland dauerhaft eine neue Heimat
gefunden. Die Spuren der kulturellen Verödung, so mußte man befürchten und
erkennen, würden noch lange sichtbar sein, die Wunden der Nazi-Barbarei noch
lange nicht heilen. Gleichzeitig empfand man das Ende des Krieges aber auch als
Zäsur, eine schreckliche, wahnsinnige, doch – so schien es – letzte
Zeitenwende, die die Freiheit bringen mußte, all das Verpaßte nachzuholen,
nachzuvollziehen, und das noch Unbekannte, Neue zu erfinden; alles müßte nun
möglich sein, alles beginnen.
Diesem Gefühl des Aufbruchs
stand eine tiefe Verunsicherung in der Frage gegenüber, ob nach den tausend
bleiernen Jahren überhaupt die gesellschaftlichen Fundamente eines
Kunstschaffens noch vorhanden waren und die Kunst adäquate Antworten auf die
Fragen der Zeit würde geben können. „Als 1945 der zweite Weltkrieg zu Ende
war,“ schreibt Will Grohmann 1958, „wußte man in Deutschland nicht einmal,
ob es noch Kunst gibt und ob sich in absehbarer Zeit Voraussetzungen für eine
neue künstlerische Tätigkeit ergeben würden.“ Nach Auschwitz, konstatierte
Adorno, könne man keine Gedichte mehr schreiben; wie wäre das unsägliche
Geschehen in eine angemessene Sprache zu fassen, und wie wäre es möglich,
sich anderen Themen zuzuwenden, ohne sich der Gefahr des Vergessens, der
Verharmlosung auszusetzen? „Angesichts des Trümmerfeldes“, des
materiellen, menschlichen, moralischen, versagten die Worte vor der
Wirklichkeit; mußten nicht auch die Bilder davor versagen? In der Tat nahm in
der Nachkriegsmalerei die Auseinandersetzung mit den Schrecken des Krieges, des
Holocaust und des braunen Totalitarismus einen nur schmalen Raum ein.
Mechanismen der Verdrängung hat man in der schwachen Resonanz einer
gesellschaftskritisch engagierten, aufarbeitenden Kunst erkennen wollen; doch
wird man auch die Angst vor der Ohnmacht der Bilder nicht zu gering ansetzen dürfen.
Hinzu kam in den ersten Jahren nach dem Krieg auch die Notwendigkeit, endlich
den zwölf Jahre lang verfemten Strömungen der Kunst zu ihrem Recht zu
verhelfen, das ihnen im „Dritten Reich“ verwehrt worden war, und an diese
abgerissenen Entwicklungslinien nicht nur dokumentierend, sondern auch künstlerisch-produktiv
anzuknüpfen. Der Wiederanschluß an die internationale Moderne stand daher zunächst
im Zeichen der Rezeption von Expressionismus, Surrealismus, Konstruktivismus
und Kubismus. Indem man die losen Fäden wieder aufnahm und weiterspann,
speiste sich das Werk gerade der älteren Künstlergeneration nicht
unwesentlich aus den Positionen der Avantgarde im frühen 20. Jahrhundert.
Die Suche nach Vorbildern
Die Zweifel an der
Aussagekraft der veristischen Malerei, das nicht mehr einlösbar scheinende
Versprechen von der Wahrheit der Bilder: diese Empfindungen trafen sich nach
1945 mit dem Einfluß der abstrahierenden und schließlich vollständig
gegenstandslosen Kunst, die vom westlichen Ausland her ins Bewußtsein der
deutschen Künstler sickerte. Die Abwendung von der Wirklichkeit, die Auslöschung
der Realitätsbezüge wurde besonders von den Jungen begierig aufgesogen, nicht
als Weltflucht, sondern weil man sich von der neuen Ungebundenheit eine
ungeahnte Freiheit des künstlerischen Ausdrucks versprach, eine innere
Freiheit der Kunst, die ihrer wiedergewonnenen äußeren Freiheit zu
entsprechen schien. Gleichzeitig war das Aufgreifen der internationalen,
zusehends abstrakten Moderne, die nach Jahren des Abgeschnittenseins endlich
wieder zugänglich wurde, durchaus mit der Fortführung deutscher Traditionen
zu vereinbaren; man brauchte sich nur in den Strom der Gedanken Kandinskys oder
Klees zu stellen, die sowohl in ihren Werken wie in ihren theoretischen Äußerungen
den Weg zur Gegenstandslosigkeit aufgezeigt hatten. In der Schöpferischen
Konfession aus dem Jahr 1918 entwickelt Klee – unter der programmatischen
Losung „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar“ –
nichts weniger als die Idee einer möglichen Welt, die der Künstler, vom
„toten Punkt“ ausgehend, selbst erfinden müsse, die nicht Abbild des
Realen sei, sondern Entwurf des Denkbaren: „Früher schilderte man Dinge, die
auf der Erde zu sehen waren, die man gern sah oder gesehen hätte. Jetzt wird
die Relativität der sichtbaren Dinge offenbar gemacht und dabei dem Glauben
Ausdruck verliehen, daß das Sichtbare im Verhältnis zum Weltganzen nur
isoliertes Beispiel ist und daß andere Wahrheiten latent in der Überzahl
sind.“
Neben die Auseinandersetzung
mit den „-ismen“ der Vorkriegszeit trat also, oft zunächst als
Weiterentwicklung noch deren Spuren folgend, eine Kunst der Abstraktion. Ihr
gehörte, bis weit in die 60er-Jahre hinein, allein die Zukunft. Einen ihrer
ersten Verfechter fand die gegenstandslose Malerei in Ottomar Domnick, der mit Die
schöpferischen Kräfte in der abstrakten Malerei (1947) das besondere
Augenmerk auf Künstler wie Willi Baumeister, Max Ackermann oder Fritz Winter
richtete. Wenig später entwickelten sich Will Grohmann, Carl Linfert und
Werner Haftmann zu Wortführern einer Kunstkritik, die entschieden die
abstrakte Richtung in der Malerei förderte, unterstützt von vereinzelten,
aber einflußreichen theoretischen Schriften der Künstler selbst, wie
Baumeisters Das Unbekannte in der Kunst (1947) oder Winters Verteidigung
der abstrakten Malerei (1949). Die weitgehende Abkoppelung der Deutschen
von den internationalen Kunstentwicklungen zwischen 1933 und 1945 führte dazu,
daß schon die ersten Ausstellungen, in denen nach 1945 gegenstandslose Kunst
zu sehen war, auf breitestes Interesse stießen – freilich auch auf ein
geteiltes Echo und oft auf schärfste Ablehnung. Doch zum mindesten war mit
Kunstschauen wie der 1946/47 in Freiburg, Berlin und München gezeigten
Ausstellung neuer französischer Malerei oder den Wanderausstellungen Französische
abstrakte Malerei (1948) und Gegenstandslose Kunst in Amerika (1948)
nun die Quelle der Information, jahrelang versiegelt und versiegt, endlich
wieder aufgeschlagen. Den Bemühungen der Westalliierten, vor allem Frankreichs
und der Vereinigten Staaten, dem deutschen Publikum den Kontakt mit den
Abstrakten des westlichen Auslandes zu ermöglichen, stellte sich sehr bald das
eigene Engagement deutscher Künstler zur Seite: schon 1946 hatten Eugen Batz,
Hubert Berke, Joseph Faßbender und Hann Trier die Donnerstags-Gesellschaft ins
Leben gerufen, die auf Schloß Alfter bei Bonn tagte und im Juli 1947 einen Tag
der abstrakten Kunst veranstaltete; in Recklinghausen schlossen sich 1948
sechs Künstler, unter ihnen der spätere Informelle Emil Schumacher, zum Jungen
Westen zusammen, unter dessen Ägide bis 1958 zehn Ausstellungen
stattfanden, in denen abstrakte Positionen mit Malern wie Karl Otto Götz,
Fritz Winter oder Hann Trier prominent vertreten waren. Hauptsächlich
gegenstandslose Künstler, unter ihnen Ackermann, Baumeister, Winter und
Geiger, zeigte auch die Schau Extreme Malerei 1947 in Augsburg, die
heftige Reaktionen bei Publikum und Kritik hervorrief. Viele der „extremen
Maler“ aus Augsburg trifft man 1949 im Münchner Central Art Collecting Point
bei der Ausstellung Kunstschaffen in Deutschland wieder, außerdem
Hartung, Nay, Bissier oder die später zum Informel gezählten K. O. Götz und
Fred Thieler. Dieselben Künstler waren ein Jahr später am selben Ort auch in
der Zen 49-Ausstellung vertreten.
Trotz des nur geringen Rückhalts
der gegenstandslosen Kunst im deutschen Mehrheitsgeschmack und trotz der
heftigen Anfeindungen durch konservative Kritiker und Kunsthistoriker wie Hans
Sedlmayr oder Wilhelm Hausenstein entwickelte sich die Abstraktion doch zur
bestimmenden Richtung der Malerei in der jungen Bundesrepublik. Jost Hermand
hat kritisch darauf hingewiesen, daß aus dem Bekenntnis zur
Gegenstandslosigkeit nach 1950 eine regelrechte Ideologie geworden sei, die die
Förderung der abstrakten Kunst durch Preise, Ausstellungen, Berufungen und Ankäufe
nicht nur als Ausweis der Modernität betrachtete, sondern auch als Instrument
der Anbindung an die westliche Welt; die Verankerung der entstehenden
Bundesrepublik im Kräftefeld der Westmächte und die Abgrenzung zum Osten, auf
politischem Gebiet mit den Parteiengründungen, der Einrichtung von Bi- und
Trizone, der Währungsreform, der Verabschiedung des Grundgesetzes und schließlich,
1955, dem Beitritt zur Nato schrittweise vollzogen, wurde auch im Bereich der
Kunst durch die bewußte Dominanz der westlichen abstrakten Malerei und die
Ablehnung des in der DDR zur Doktrin erhobenen Realismus vorangetrieben. Nicht
unwesentlich mag zur offiziellen Protektion der Gegenstandslosigkeit auch
beigetragen haben, daß man von einer nicht-abbildenden und daher
gesellschaftskritisch weniger leicht wirksamen, zudem von der breiten Öffentlichkeit
weitgehend abgelehnten Kunst keine unbequeme politische Opposition zu den
restauratorischen Tendenzen der Adenauerzeit zu befürchten hatte. Die
Verteidiger der Abstraktion schossen bei den Auseinandersetzungen der späten
40er- und frühen 50er-Jahre im übrigen mit ähnlich scharfer Munition wie -
weniger erfolgreich - ihre Gegner, die sich den Vorwurf einer „Neigung zum
Totalitären“ gefallen lassen mußten. Leidtragende einer undifferenzierten
Ablehnung von Wirklichkeitsbezügen in der Malerei waren die Künstler, die
sich einer Abkehr vom Gegenstand verweigerten - darunter Persönlichkeiten wie
Dix, Pechstein und Hofer - und die sich in eine erneute, „innere
Emigration“ (Hofer) gezwungen sahen.
In diesem für die
Abstraktion günstigen Klima begab sich seit Anfang der 50er-Jahre ein Kreis
von Künstlern der jüngeren Generation auf die Suche nach ihrer ganz eigenen
Vision von Gegenstandslosigkeit. An Namen sind Karl Otto Götz, Emil Schumacher
und Fred Thieler bereits gefallen; Karl Fred Dahmen, Gerhard Hoehme, Bernard
Schultze und K. R. H. Sonderborg sind als weitere Protagonisten zu nennen, die
bis 1955 für „eine neue Richtung in der Malerei“ wichtig wurden. Die
Befreiung von der Wirklichkeitsbindung, die die abstrakte Malerei gebracht
hatte, schien ihnen nicht ausreichend; vielmehr sahen sie in der auf das
Bauhaus und den Stijl sich berufenden geometrischen Spielart der Abstraktion
den alten Zwang zum Gegenstand nur durch einen neuen Zwang zur Form ersetzt.
Die rechten Winkel Mondrians, die Farbflächenarithmetik van Doesburgs konnten
ihnen keine Vorbilder sein; als kalt, emotionslos empfanden sie die rational
kalkulierten Konstruktionen eines Josef Albers, eines Richard Paul Lohse, Max
Bill, Adolf Fleischmann, Günter Fruhtrunk, Otto Ritschl. „Wir hatten von der
Geometrie endgültig die Nase voll“, beschreibt K. O. Götz die
entscheidende Zeit nach 1950. Ordnung, furchtbare Ordnung hatte man zwölf
Jahre lang genug gehabt. Das im Fühlen Götz’ und seiner Weggefährten zu
Strenge, Statische, Unpersönlich-Distanzierte der „konkreten“ Kunst war
der Antrieb, „daß das jetzt explodieren sollte“ (Götz). Die Explosion kam
natürlich nicht aus heiterem Himmel. Die Funken waren seit den 40er-Jahren mit
Wols in Paris, etwas später mit Pollock in den USA geschlagen worden; nach dem
Krieg konnten sie nach Deutschland überspringen. Zu Beginn der 50er-Jahre
entwickelte sich auch hier eine Malerei, in der die Farbe sich von der Form
befreite - die informelle Kunst, art informel, Informel: Un-Form,
Nicht-Form.
Wurzeln.
Pioniere des Informel in Frankreich und den USA
Pollock
Den Boden, auf dem ein Künstler
wie Jackson Pollock in den Vereinigten Staaten wachsen konnte, hatten zu Beginn
der 40er-Jahre die vor allem aus Frankreich exilierten Surrealisten urbar
gemacht; New York wurde zur Keimzelle einer Fortsetzung der surrealistischen
Tradition mit neuen Mitteln. 1941 war André Masson herübergekommen, im selben
Jahr noch folgte André Breton und übernahm erneut die Führungsrolle, die er
in Paris bereits besessen hatte. Der geistige Vater der Bewegung hatte schon in
seinem Ersten Manifest des Surrealismus (1924) den Weg zu einer höchst
subjektiven, nur aus dem eigenen Innersten schöpfenden Kunst bereitet; die ecriture
automatique, das automatische Schreiben, sollte - zunächst als
literarisches Mittel - das dem Verstand verborgene Potential aus den Tiefen des
Unbewußten zu Papier bringen:
„Schreiben Sie schnell,
ohne vorgefaßtes Thema, schnell genug, um nichts zu behalten, oder um nicht
versucht zu sein, zu überlesen. Der erste Satz wird ganz von allein kommen,
denn es stimmt wirklich, daß in jedem Augenblick in unserem Bewußtsein ein
unbekannter Satz existiert, der nur darauf wartet, ausgesprochen zu werden.
[...] Fahren Sie so lange fort, wie Sie Lust haben. Verlassen Sie sich auf die
Unerschöpflichkeit dieses Raunens.“
Bei den weitaus meisten auf
den Surrealismus sich berufenden Künstlern bestand die Umsetzung der Ideen
Bretons vor allem in der Entwicklung einer Bildsprache, die sich der Welt des
Traumes anzunähern suchte, indem sie ihre - ansonsten ganz realistischen -
Elemente in betont alogische Kontexte stellte. Masson war der erste, der Breton
beim Wort nahm und zeichnend den Automatismus nachvollzog, wie ihn Breton für
das Schreiben vorgeschlagen hatte: im „freien Spiel[...] der Hand“. Die
„befreiende Idee [...] von der spontanen automatischen Projektion eines
inneren geistigen oder psychologischen Zustandes“ ergriff über Masson und
den aus Paris emigrierten Exil-Chilenen Roberto Matta auch Pollock. Ende 1946
verschwindet alles Figurative aus seinem Werk, als er beginnt, die Leinwand
horizontal auf den Boden zu legen und dünnflüssige Farben, Lacke und
Emulsionen vom schnell geführten Pinsel oder der durchlöcherten Farbbüchse
auf den Malgrund herabzutröpfeln. In weiten Bewegungen des Armes oder des
ganzen Körpers und mit der geringstmöglichen intellektuellen Kontrolle erfaßt
Pollock die großdimensionierten Flächen, überzieht sie mit einem Netz aus
Farbfäden und Schlieren, das so dicht gewoben ist, daß ein Vorne und ein
Hinten, Motiv und Träger nicht mehr zu erkennen sind; all-over hat man
diesen Effekt genannt, der alles zum Vordergrund werden läßt. Pollocks Werke
aus der Phase des action painting sind nicht Abbilder einer wirklichen
Welt, stehen mit ihr aber insofern in Beziehung, als sie sich als Protokolle
des Malprozesses lesen lassen, als Spuren eines weitgehend intuitiven Tanzes über
die Leinwand, dabei gleichzeitig als unmittelbare Aufzeichnungen eines inneren
Zustandes des Künstlers. Von Pollock haben die deutschen Informellen die Idee
der ins Malerische transformierten ecriture automatique übernommen und
damit eine in den Surrealismus hineinreichende Wurzel; die Intuition, die große
Geste, die Geschwindigkeit des Farbauftrages, das all-over, die ständige
Zerstörung der einmal geschaffenen Gestalt durch die Interferenz mit neuen, überlagernden
Formen: dies alles ist das Erbe Pollocks in der informellen Malerei vor allem Götz’,
Sonderborgs und Schultzes.
Wols
Das Werk des deutschen
Malers Wols - mit eigentlichem Namen Wolfgang Schulze - ist die zweite wichtige
Quelle des deutschen Informel neben Pollock. Wols, der 1932 nach Paris gegangen
war und sich dort, später in Spanien und mit dem Einsetzen des Bürgerkrieges
wieder in Paris, als Photograph durchgebracht hatte, begann 1939 im französischen
Internierungslager zu malen. Zeit seines Lebens war Wols getrieben: von den
Zuständen in Deutschland aus seiner Heimat, von den Phalangisten aus Spanien,
vom Mißtrauen Frankreichs gegenüber dem Deutschen in Gefängnisse und
Verstecke, von den Spannungen der Unstetigkeit schließlich in den Alkohol. Die
Zerrissenheit des Menschen Wols scheint sich in seinem malerischen Œvre zu
spiegeln, dessen intensivste Periode 1946 begann, als sich Wols nach einer
Phase kleinformatigerer Aquarelle und Tuschen den Ölbildern zuwandte. Im
Winter 1946/47 entstanden jene 40 Gemälde, von denen sich der Maler Georges
Mathieu im Frühsommer 1947 in der Pariser Galerie René Drouins überwältigen
ließ:
„Vierzig Meisterwerke,
jedes zerschmetternder, aufwühlender, blutiger als das andere. Ein Ereignis,
ohne Zweifel das wichtigste seit den Werken van Goghs. Ich kam aus dieser
Ausstellung ganz erschüttert heraus. Wols hatte alles vernichtet. Nach Wols
war alles neu zu machen.“
Dem Künstler blieb nicht
viel Zeit; das Trinken ruinierte seine Gesundheit, 1951 endete die Selbstzerstörung
mit dem Tod des erst 38jährigen. Die Summe eines im Kern gerade fünf Jahre währenden
Schaffens, etwa 80 Gemälde, sind Zeugen einer nach außen gekehrten Seele:
Wols läßt die Farbe gerinnen und zerfließen, überlagert mehrere Schichten,
kratzt mit dem Pinselstiel filigrane Furchen bis auf den Bildgrund, ritzt ein
Netz aus Strichwerk, zerreißbar scheinende Gewebe und nervös geäderte
Wunden; die Bildfläche ist für ihn „die Schrifttafel, auf der die Chronik
seines Schicksals sich einzeichnet“ (Haftmann). Der Vorwurf der Weltflucht,
der der ungegenständlichen Kunst gemacht wurde, trifft Wols sicherlich am
wenigsten; sein Werk ist geradezu eine exzessive Auseinandersetzung mit der
Welt, nämlich mit der des Künstlers selbst. Für die Maler des deutschen
Informel war Wols weniger in formaler Hinsicht wegweisend. Die weit ausholende
Geste und die gesteigerte Geschwindigkeit Pollocks findet man bei ihm nicht,
ebensowenig das die Fläche gleichmäßig und gleichwertig überziehende all-over.
Vorder- und Hintergrund sind bei Wols klar scheidbar, seine Bilderfindungen
sind langsam und sorgfältig entwickelt, der große Schwung des action
painting ist reduziert auf das überschaubar Tastende: „Die Bewegungen
der Finger und der Hand genügen, um alles auszudrücken [...]“ (Wols). Was
die Informellen von Wols aufnahmen, waren neben der plastischen Behandlung der
Farbe im verletzenden, zeichenhaften Auf- und Einkratzen vor allem das Höchstmaß
an Konzentation im Malprozeß und der Mut zur radikalen Subjektivität, zum
intensiven Blick nach innen.
... und andere
Neben Pollock und Wols dürfen
mindestens zwei weitere Künstler in die unmittelbare Ahnengalerie des Informel
gestellt werden, die – wie Wols – gleich nach dem Krieg in Pariser Galerien
ausstellten und die französische Hauptstadt damit zu einem Epizentrum der
neuen Malerei machten: Hans Hartung und Jean Fautrier, die freilich für ganz
gegensätzliche Entwicklungslinien der informellen Malerei Pate standen.
Hartung, der in den 30er-Jahren aus Deutschland emigriert war, hatte – noch
vor Pollock – eine Malweise der spontan wirkenden Geste entwickelt, indem er
dunkle, klar begrenzte Linienbündel chiffrenartig auf meist lichte Hintergründe
setzte, sie auffächerte oder zu Gittern zusammenschloß. Dem schnell ausgeführten
Strich geht allerdings ein langwieriger, sorgfältiger Prozeß der Formfindung
voraus, er ist nicht Ergebnis eines aus dem Unbewußten hervorbrechenden
Impulses; Hartungs Werke sind mithin weniger wirkliche automatische
Psychogramme, sondern Zwitter zwischen Aktionsmalerei und Kalligraphie.
Insofern kam das Werk Hartungs in seinen geistigen Ansatzpunkten für die
deutschen Informellen als Vorbild weniger in Betracht, wirkte aber in formaler
Hinsicht sehr anregend, vor allem auf Sonderborg. Ist Hartung gewissermaßen
der Stammvater eines „Informel der Zeichen“, so ist Fautrier der eines „Informel
der Materie“. Berühmt wurde er durch die Serie der „Otages“, der
„Geiseln“, die 1945 bei René Drouin erstmals ausgestellt waren. Unter dem
Eindruck des Krieges schuf Fautrier, der selbst kurze Zeit in SS-Haft gewesen
war, „gequälte, zerrissene, deformierte Leiber und Köpfe“, wenn von
einem Wirklichkeitsbezug der pastos aufgespachtelten, ungeformten Gestalten überhaupt
gesprochen werden kann. Die von Klee herstammende Maltechnik Fautriers, die
Farbe als Material zu behandeln und ihre plastischen Qualitäten
herauszuarbeiten, beeinflußte im deutschen Informel (allerdings erst nach
1955) besonders Schumacher und Dahmen. Zieht man in Betracht, welche Wirkung
Fautrier auch auf die weiteren „Materiemaler“ Europas hatte, etwa auf
Alberto Burri in Italien oder Antoni Tàpies in Spanien, so darf die Stellung
Fautriers in der Geschichte des Informel nicht zu niedrig angesetzt werden,
auch wenn von einer informellen Autonomie der Farbe bei ihm noch nicht
gesprochen werden kann. Um das Bild für die Situation im Paris der
Nachkriegszeit zu vervollständigen, seien als Anreger des deutschen Informel
abschließend noch genannt: Georges Mathieu, der unter dem Einfluß Pollocks
ein von ihm selbst als „lyrische Abstraktion“ bezeichnetes action
painting entwickelte, das allerdings durch das Fehlen der für Pollock
typischen all-over-Struktur auf den ersten Blick eher kalligraphischen
Charakter hat (im nochmaligen Hinsehen jedoch deutlich Geschwindigkeit und
Prozeßhaftigkeit der großen Malgeste erkennen läßt); und der gebürtige
Kanadier Jean-Paul Riopelle, dessen kleinteilige Spachtelstrukturen das all-over
Pollocks nicht mittels fadenartiger Linien erreichen, sondern durch die
dynamische Mosaizierung der Leinwand mit „taches“, Farbflecken. Von seinem
„Tachismus“ (im Wortsinne dieses sonst allgemein gebrauchten Begriffes) ist
unter den deutschen Informellen einiges bei Thieler wiederzufinden.
Keime.
Die Anfänge des deutschen Informel
Voraussetzungen
Der informelle Samen, den
Pollock in New York, Wols in Paris gepflanzt hatten, ging in Deutschland erst
um das Jahr 1952 auf. Diese zeitliche Verzögerung ist verständlich, wenn man
sich das völlige Fehlen jeder Information über die neuesten Entwicklungen in
der Kunst des Auslandes unmittelbar nach dem Weltkrieg vor Augen hält, ein
Defizit, das mangels Kontaktmöglichkeiten auch in den Folgejahren nur allmählich
behoben werden konnte. Die meisten der späteren deutschen Informellen waren
bei Kriegsende noch keine 30 Jahre alt, der älteste, Schumacher, war 33, der jüngste
der bis 1955 schon informell tätigen Maler, Sonderborg, erst 22; bei fast
allen fiel somit die künstlerisch prägende Phase des dritten
Lebensjahrzehntes in die Zeit des Krieges und des „Dritten Reiches“, zu der
die Akademien und Museen Nazi-Deutschlands keine aktuellen Impulse mehr
auszustrahlen vermochten und die direkte Begegnung mit den innovativen
Tendenzen in Frankreich oder den Vereinigten Staaten mehr und mehr unmöglich
wurde. Hoehme und Thieler, die Kriegsdienst leisten mußten, sowie Sonderborg,
der nach Gestapohaft vier Jahre lang für eine Hamburger Exportfirma in Rußland
arbeitete, konnten erst nach 1945 überhaupt ein Kunststudium aufnehmen; Dahmen
hatte seit 1932 für weniger als ein Jahr die Kunstschule Aachen besucht –
bis zu ihrer Schließung 1933 – und nach einer Lehre als Gebrauchsgraphiker
Militärdienst und Gefangenschaft erlebt; nur Götz, Schultze und Schumacher
konnten noch vor dem Krieg an einer Kunsthochschule ihr Studium beginnen, wobei
lediglich Schumacher bereits als freier Maler gearbeitet hatte, bevor er ab
1939 in einem Rüstungsbetrieb dienstverpflichtet war, während Götz, zur
Luftwaffe eingezogen, seit 1935 unter Mal- und Ausstellungsverbot stand und
Schultze, der bei einem Angriff auf Berlin alle vor 1945 entstandenen Werke
verlor, sechs Jahre als Soldat in Rußland und Afrika stationiert war. Nach
1945 war die künstlerische Orientierung zunächst schwierig und von
existentiellen Sorgen überschattet. Nicht einmal ausreichendes Arbeitsmaterial
war aufzutreiben. Götz schildert die Zustände Ende 1945: „Vorgestern aus
der Gefangenschaft zurück. Wohne hier auf dem Lande. [...] Ich sehe mich
gezwungen, mit Kaffee[e]rsatz auf Klosettpapier zu malen.“ Und: „[...] die
Pinsel machte man sich aus Kuhhaaren. Ich weiß, ich ging nachts mit der
Rasierklinge in den Kuhstall und schnitt die Haare aus den Ohren der Kühe
[...]. Damit pinselte ich meine Bilder.“
Die ersten Berührungen mit
all dem, was auf künstlerischem Gebiet seit 1933 bzw. 1939 außerhalb
Deutschlands geschehen war, kamen als Offenbarung, aber zögerlich.
Auslandsreisen waren noch nicht ohne weiteres möglich – Götz etwa erhielt
erst 1949 einen Alliiertenpaß – sodaß in der Anfangszeit das wenige an
Anregungen genügen mußte, was durch die Westmächte bereits in Deutschland
verfügbar war. So begegnete Schultze der Malerei Pollocks erstmals im
Frankfurter Amerika-Haus: „In einem Winkel fand ich einen Stapel von
Zeitschriften, ‚Art News‘, und fragte die Bibliothekarin, was ist damit,
kann ich die haben? [...] Und ich nahm also den Stapel mit, und da sah ich das
erste Mal, ungeheuer, die große Kunst der Welt.“ Sobald seit 1949/50 der Weg
in das benachbarte Frankreich offenstand, richtete sich das Interesse auf die
Kunstmetropole Paris. Von Amsterdam aus, wo er Mitglied der COBRA
geworden war, kam Götz 1949 als erster in die französische Hauptstadt und
lernte Hartung kennen. Ihm folgten 1951 Schultze, der hier mit Götz die ersten
Originale Pollocks sah, Schumacher, Dahmen und – für längere Zeit –
Thieler, der bei S. W. Hayter studierte und in Kontakt zu Hartung und Soulages
trat; 1952 kam Hoehme, traf auf Fautrier und Dubuffet und erlebte zum ersten
Mal das Werk des kurz zuvor verstorbenen Wols; Sonderborg schließlich lebte
seit 1953 dauerhaft in Paris. „Es ging darum, eine Information zu finden, über
eine Situation in der Kunst und Anschluß zu finden an das, was vorhanden
war“, schildert Dahmen rückblickend die Suche nach künstlerischen Anknüpfungspunkten.
„Die Generation, zu der ich gehöre, hat ja sehr mageren Boden gehabt, denn
in der Nazi-Zeit gab es ja kaum etwas zu sehen oder zu lesen, sodaß wir
schrecklich neugierig waren nach dem Kriege [...].“ Diese Neugierde, die
Notwendigkeit des künstlerischen Austausches, der Bestätigung, des Kräftesammelns
hatte 1948 mit dem Jungen Westen und 1949 mit Zen 49 zur Gründung
der ersten loseren Künstlerzusammenschlüsse in Deutschland geführt, die
freilich mehr durch die gemeinsame Aufgabe des Neubeginns als durch
programmatische Homogenität geeint wurden. Notwendigerweise kam es zu
Neugruppierungen, als nach der Überwindung der unmittelbaren Nachkriegszeit
und nach den künstlerischen Standortbestimmungen der frühen 50er-Jahre die
Unterschiede der Zen- und Junger-Westen-Maler deutlicher
hervortraten.
Quadriga und Gruppe 53
Im Dezember 1952 zeigte die
Frankfurter zimmergalerie franck, eine zum Ausstellungsraum en miniature
umfunktionierte Privatwohnung, unter dem Titel Neuexpressionisten 13
Bilder von K. O. Götz, Bernard Schultze, Heinz Kreutz und Otto Greis; die vier
Künstler waren Mitbegründer der Galerie gewesen, die im wesentlichen aus dem
vielleicht 30, 35 Quadratmeter großen – und noch dazu möblierten –
Wohnzimmer des Avantgarde-Liebhabers Klaus Franck bestand. Am Eröffnungsabend
hielt der Dichter René Hinds einen emphatischen Vortrag, „eine überschwengliche
Hymne auf das ausstellende Vierergespann und deren Werke“, überschrieben
mit dem Titel Quadriga. Während man im unmittelbaren Zeitkontext Götz,
Schultze, Kreutz und Greis eher als Frankfurter Gruppe zusammenfaßte,
wurde vor allem in der Rückschau gegen Ende der 50er-Jahre dieser Name – Quadriga
– zur eigentlichen Bezeichnung der vier „Neuexpressionisten“. Auch wenn
Hinds’ griffiges Etikett anderes vermuten ließe, war doch die Quadriga
kein fester Zusammenschluß, der auf lange Dauer angelegt oder gar
programmatisch unterfüttert gewesen wäre. Schon die zeitgenössische Kritik
bemerkte dies: „Die Ausstellung [...] will keine Gruppenbildung im strengen
Sinne. Dennoch wirkt sie bei aller Verschiedenheit der Temperamente und der
Wege, die der einzelne hinter sich hat, erstaunlich geschlossen. Es sind
sozusagen Weggenossen, die sich hier zusammengefunden haben. Ihre Bemühungen,
ihre Arbeit – kurz ihre Malerei treibt sie in der allgemeinen Entwicklung
nach vorne, in neues Land.“ Dieses „Land der besseren Erkenntnis“ (Klee),
das gemeinsam beschritten wurde, war markiert von einer Abkehr vom Gegenstand
und der Auflösung der festen Form; Dynamik und Spontaneität waren in die 13 Quadriga-Werke
eingeschrieben – in einer abgeschwächten Form der surrealistischen ecriture
automatique, einem steuerbaren Zufall, der die Prozeßhaftigkeit des
Malaktes nachvollziehbar machen sollte. In der Ausbildung eines Bewußtseins
vom – zumindest für die deutsche Kunstlandschaft – Neuartigen dieses
Zugriffs auf die Malerei liegt wohl die bleibende Bedeutung der Quadriga,
die sich 1954 in einem kleinlichen Prioritätenstreit auflöste, nachdem alle
vier Künstler schon längst das zusammen entdeckte Neuland mit ganz eigenen
Schritten erkundet hatten. Die Wege trennten sich; für das Informel in
Deutschland aber waren die entscheidenden Anstöße gegeben. Schultze und Götz,
die beiden Zugpferde der Quadriga, zog es ins Rheinland, wo sie sich der
Gruppe 53 um Gerhard Hoehme anschlossen. Zu diesem Künstlerbund, lose
und ohne Programm wie die Quadriga, dabei ebenso der
Gegenstandslosigkeit, der Formauflösung und der gestischen Malerei
verpflichtet, zählten bald auch Emil Schumacher und Karl Fred Dahmen. Die Gruppe
53 wurde damit zur zweiten Keimzelle des deutschen Informel.
Resonanz
Die Entwicklungen in
Deutschland wurden auch im Ausland mit Interesse verfolgt, dank der guten
Kontakte Götz’, Sonderborgs und Thielers nach Paris vor allem in Frankreich.
1955 kuratierte René Drouin, der Förderer von Wols und Fautrier, im Pariser
Cercle Volney die Schau Peintures et sculptures non-figuratives en Allenagne
d’aujourd’hui, die erste größere Ausstellung deutscher Künstler in der
französischen Hauptstadt seit mehr als vierzig Jahren. Neben den
konstruktivistischen Tendenzen innerhalb der Abstraktion wurden auch Informelle
wie Schumacher, Schultze, Thieler und Sonderborg gezeigt. Die Anerkennung, die
den informellen Malern aus Deutschland hier und in ihrer Heimat ab der zweiten
Hälfte der 50er-Jahre zuteilzuwerden begann – bis hin zur „offiziellen“
Anerkennung durch die documenta II 1959 – darf allerdings nicht darüber
hinwegtäuschen, daß ihnen bis dahin ein größerer Erfolg, auch in ökonomischer
Hinsicht, versagt geblieben war. Eine Kunst, die nicht nur den Gegenstand,
sondern auch die Form aufgab, war der breiten Öffentlichkeit suspekt; die Vorwürfe
Sedlmayrs gegen eine Gott verhöhnende Abstraktion mußten das Informel ganz
besonders treffen, und wenn schon nicht das Göttliche verletzt war, so für
viele doch zumindest der „gesunde Menschenverstand“ oder der gute
Geschmack. „Der Avantgarde-Begriff“, schreibt Ursula Geiger in ihrer Studie
über die Quadriga-Künstler, „hatte in den frühen Fünfzigerjahren noch
keineswegs den fast magischen Anziehungseffekt, den er einige Jahre später
bekommen sollte, sondern war in den Augen vieler Bürger eher ein
Schimpfwort.“ Entsprechend finster waren damals auch die Aussichten der
Informellen auf dem Kunstmarkt, wo nach wie vor die Brücke und der Blaue
Reiter, bestenfalls Baumeister oder Nay dominierten. So verwundert es nicht,
wenn Götz von dieser Zeit berichtet, seine Bilder – mangels eines Ateliers
– in seiner kleinen Sozialwohnung gemalt zu haben: „Wenn ich [...] ein großes
Bild malte, so auf dem Boden natürlich, da mußte die Familie verschwinden
[...], und ich mußte fertig sein, wenn die raufkamen abends um 7.00. Da schob
ich dann die Hälfte des Bildes unter so ein Flüchtlingsbett, da streuselte
noch so das Stroh durch [...]. Als er später einen kleinen Bretterverschlag
als Arbeitsplatz mieten konnte, waren seine Werke aus Platzgründen auf die Höchstmaße
von 1,75 x 1,45 Meter beschränkt. Der wirtschaftliche Aufschwung der 50er fand
für viele der informellen Maler nicht statt. Noch einmal Götz: „Meine 50er
Jahre waren mit Frau und Kindern auf einem Zimmer leben ohne Wasser. [...] Also
wir haben nicht am Wirtschaftswunder teilnehmen können. Wir haben auch keine
Bilder verkauft, praktisch nicht, verschenkt haben wir sie. Und da sah man aber
gegenüber den Textilfritzen, der sich einen neuen Mercedes nach dem anderen
anschaffte, der Metzger um die Ecke hatte einen neuen Mercedes [...], und wir
saßen auf einem Zimmer, kochten auf einem kleinen elektrischen
750-Watt-Kocher, also an uns ist das vorbeigegangen [...].“
Die Anfänge des deutschen
Informel fanden also unter nach wie vor kargen wirtschaftlichen Bedingungen
statt; umso ertragreicher sind ihre künstlerischen Entwicklungen und
Entdeckungen, die exemplarisch an den Malern K. O. Götz, K. R. H. Sonderborg,
Bernard Schultze, Fred Thieler, Gerhard Hoehme, Karl Fred Dahmen und Emil
Schumacher genauer untersucht werden sollen.
Blätter.
Die Künstler des frühen Informel in Deutschland
Götz
Götz ist ein Maler der
Geschwindigkeit. In seinen frühen, aus dem Surrealismus herkommenden
Monotypien, die seit 1946 entstehen, ist ein schneller Schaffensprozeß durch
die Technik bedingt: Götz verwendet Glasplatten, die mit einer dünnflüssigen
Mischung aus Terpentin und Druckfarbe bestrichen werden; in diese Farbschicht
zeichnet Götz seinen Entwurf, was so rasch geschehen muß, daß das Terpentin
die entstehenden Linien nicht auseinanderlaufen läßt; die fertige Zeichnung
wird dann sofort auf ein Stück Papier abgedruckt. Während des Krieges
experimentiert Götz mit Tusche, die er in Lachen auf den Malgrund tropft und
dann mit einer Luftpumpe auseinandertreibt. Neben die auch hier notwendige
Schnelligkeit des Malvorganges tritt nun bereits eine Art des „gelenkten
Zufalls“, der für die späteren Arbeiten so wichtig wird. Bis 1952 arbeitet
Götz in Öl, ein Material, das ihn wegen seiner Zähigkeit immer weniger
befriedigt. Zwar versucht er, als er zu Beginn der 50er-Jahre den Automatismus
für sich entdeckt, die Farbeigenschaften des Öls durch eine besonders
schnelle Malweise zu überlisten, doch sind die Möglichkeiten dieser Technik
bald ausgereizt. Das letzte Ölbild (Bild vom 7.9.1952) entsteht für die Quadriga-Ausstellung: hastig hingesetzte, chiffrenartige weiße Linien, ohne
klare Begrenzungen ineinander verschlungen und mit dem dunklen Hintergrund
teils unentwirrbar verwoben. Wie bei Pollocks all-over-Strukturen drängt alles
nach vorne, verschiedene Bildebenen sind nur schwer auszumachen. „Über den
toten Punkt hinweggesetzt sei die erste bewegliche Tat“, so könnte man –
noch einmal mit Klee gesprochen – die Entstehung des Gemäldes treffend
umschreiben; Götz selbst berichtet in diesem Sinne: „Ich habe rechts
angefangen, [...] und ich wußte vorher nicht, was ich überhaupt malen sollte
hier. Ich habe da angefangen und habe mich einfach durchgearbeitet, indem ich
Formelemente hingestrichen habe und wieder zerstört habe [...].“ Indem jedes
Überlegen und Komponieren durch die pure Malgeschwindigkeit so weit als möglich
ausgeschaltet wird, ergibt sich das Bild aus dem inneren Impuls, aus der
erregten Geste, die den „toten Punkt“ in Bewegung versetzt und über die Fläche
treibt.
Götz’ nach Dynamik
verlangende Ausdruckskunst war damit bereits voll entfaltet, stieß
gleichzeitig aber auch an ihre technischen Grenzen. Noch vor der Frankfurter Quadriga-Ausstellung hatte der Maler daher ein Verfahren entwickelt, das ihm
ein noch rascheres, unmittelbareres Arbeiten ermöglichte: einen horizontal auf
dem Boden liegenden Karton- oder Leinwandgrund streicht er mit Kleister ein;
dann trägt ein in weit schwingender Gebärde geführter breiter Pinsel oder
Besen sofort flüssige Kasein- oder Temperafarbe auf den feuchten Film – es
entsteht ein dunkles Positiv, das auf dem hellen Fond schwimmt. In einem
zweiten Schritt fährt Götz mit einem Gummirakel oder einem schmalen
Scheibenwischer in die Farbe, schleudert sie zur Seite oder drückt sie in den
Grund; auf diese Weise kommt wieder Helles zum Vorschein, durchschneidet – je
nach dem ausgeübten Druck – in abgestufter Intensität die dunklen Stellen;
helle Linien verlaufen dort, wo die Kante des Rakels entlanggefahren ist,
dunkle dort, wo Farbe am Rand des Gerätes mitgezogen wurde. Die
kalligraphische Ordnung des Oben und Unten, des Positiv und Negativ, wird gestört.
Schließlich arbeitet Götz mit dem trockenen Pinsel in die entstandenen
Strukturen hinein, verlängert dunkle Striche in helle Partien und umgekehrt,
um so die Bildebenen weiter miteinander zu verzahnen. Da Götz die gesamte Fläche
ausfüllt, indem Anfang- und Endpunkte der Mal- und Rakelbewegung außerhalb
des Bildes liegen, ergibt sich ein all-over, das wie bei Pollock unter Einsatz
des ganzen Körpers zustandekommt. Die Dynamik des Malprozesses ist am fertigen
Gemälde noch nachzuvollziehen, sein Zeitablauf ist in das Werk eingeschrieben.
Dennoch ist Götz’ action painting weniger automatisch als das des
amerikanischen Vorbildes. Götz überantwortet sich nicht für den gesamten
Malakt seiner Leinwand, sondern läßt zwischen seinen einzelnen
Arbeitsschritten Momente des Innehaltens, der Distanzierung vom bereits
Geschaffenen, die eine bewußtere Steuerung des Geschehens ermöglichen.
Schnell, aber vollkommen bewußt sind auch die letzten Eingriffe mit dem leeren
Pinsel gesetzt. Der dreistufige Prozeß kann außerdem durch Auslöschen und
Neuansetzen beliebig oft wiederholt werden, bis das Ergebnis den Künstler überzeugt.
Sonderborg
Kurt Rudolf Hoffmann, der
sich seit 1951 K. R. H. Sonderborg nennt, kommt über die Tuschzeichnung zum
großformatigen informellen Gemälde. Die automatischen Bewegungen der Hand führen
schon in diesen seit etwa 1950 entstehenden kleinen Werken zur Leitform seiner
späteren Arbeiten: der das Bildfeld diagonal querenden Linie; sie bleibt bis
etwa 1958 charakteristisch für Sonderborg. Mit diesem Motiv ist bereits
angedeutet, was ihn mit Götz verbindet – Bewegung und Geschwindigkeit. Die
Diagonale ist als Metapher für den dynamischen Malprozeß und seine
Zeitlichkeit zu lesen; sie ist die Spur einer Geste, die Ursprung und Ziel außerhalb
der Bildgrenzen hat. In Sonderborgs frühinformellen Gemälden brechen aus
dieser rasant und spritzend hingeworfenen Spur schlingenartige Wirbel hervor,
die gegen die Hauptrichtung zurückschwingen und sich in einer erneuten Wendung
wieder mit dem diagonalen Strom verbinden. Den horror vacui anderer action
painter kennt Sonderborg dabei nicht; er verzichtet bewußt auf den all-over-Effekt, sodaß der Niederschlag seiner Malbewegungen bisweilen
kalligraphischen Charakter annimmt und eine Scheidung der zeichenhaften Großform
vom Hintergrund möglich wird. Diesen „aus lange aufgestauter Energie“
erwachsenden ersten Malschritten geht keine Meditation über eine Grundstruktur
voraus, sie sind auch nicht durch abwägende Pausen unterbrochen wie bei Götz,
sondern ungleich direkter aus dem Inneren des Künstlers gezogen. Der so
entstehenden Gefahr einer monotonen Schemawiederholung begegnet Sonderborg
durch ein intensives Nachbearbeiten: er verwischt die Farbe mit Lappen, ergänzt
die Struktur durch positive und negative Linien, die mit Messern,
Rasierklingen, Kratzern, Spachteln und Pinseln eingetragen werden. Seine Bilder
vereinen somit den vom Surrealismus herstammenden automatischen, unbewußten
Gestus mit einer sehr bewußten, konzentrierten Sorgfalt.
Schultze
Die frühen, seit 1951
entstehenden informellen Gemälde Bernard Schultzes sind vom Gegensatz der
Farbkonsistenzen geprägt. Anders als Sonderborg und Götz, die von Beginn an
eine reduzierte Palette, oft nur eine Schwarz-Weiß-Skala verwenden, benutzt
Schultze ausnehmend bunte Farben, die er selbst ansetzt, „vom aquarellhaft
liquiden Öl-Terpentin-Gemisch bis [zu] einer teigigen, zähen Farbpaste.“ Je
nach ihrer Viskosität läßt er die Farbe fast frei über die am Boden
liegende Malpappe oder Leinwand laufen oder trägt rasche, nervöse Pinselhiebe
auf. Ausgangspunkt ist auch für ihn keine geistig vorbereitete oder aus der
regelmäßigen Kontrolle des Malvorganges sich ergebende Bildstruktur, sondern
der erste, ungeplante und durch intuitive Bewegung fortentwickelte Farbauftrag.
Er dient dazu, „sich zu provozieren zu irgendeinem Handeln“ (Schultze),
eine Provokation, die in schnellen Zügen über die gesamte Bildfläche
fortgesetzt wird, bis ein enges, chaotisch wucherndes Liniendickicht entstanden
ist. Schultzes kleinteiliges, detailreiches all-over-Gestrüpp verzichtet
weitgehend auf die Bildung kompositioneller Schwerpunkte; wo sie auftauchen,
werden sie durch immer neue Farbüberlagerungen wieder zerstört. Das
Wechselspiel von pastosen und dünnflüssigen Farben steigerte Schultze seit
1953/54 durch das Aufkleben verschiedenster Materialien auf den Malgrund: zerknülltes
Seidenpapier, Lappen, Schulterpolster und Holzteilchen. Aus der ebenen Bildfläche
wird so eine reliefierte Landschaft mit haptischen Qualitäten. Zudem setzen
die eingebrachten Gegenstände der Farbe Widerstände entgegen, teilen sie in
sich verzweigende Ströme und erhöhen den Effekt des pflanzenartig Rankenden;
dieser plastische Eingriff Schultzes darf als Versuch verstanden werden, unter
Beibehaltung des spontanen Malaktes doch gleichzeitig die drohende
„Absehbarkeit des Zufalls“ zu bannen.
Thieler
Fred Thieler findet erst
verhältnismäßig spät zu einer typisch informellen Sprache; ab etwa 1955 ist
er als Vertreter einer „malerischen“ Richtung des Informel zu betrachten,
die den Anspruch des unmittelbaren Ausdrucks nicht durch die große, schnelle
Geste einlösen will, sondern durch die konzentrierte Intensität des
Farbauftrages. Thieler wendet sich nach konventionellen Anfängen zu Beginn der
50er-Jahre mehr und mehr einer Spachteltechnik zu, bei der die Farbe in satten
taches auf den Malgrund gesetzt bzw. wieder von ihr abgeschabt wird. Er
arbeitet von oben auf die liegende Leinwand herab, in dynamischer, aber nicht
ausholender, sondern auf den Punkt fixierter Aktion. In den frühen Werken sind
seine Bildflächen durch kräftige Balkengerüste organisiert, die auf die
statischen Strukturen Soulages’ verweisen, wenngleich sie wesentlich freier
verteilt sind und dabei mitunter eine räumliche Illusion von Vorne und Hinten
erzeugen; die scharfkantigen, langgezogenen Spachtelstriche verstärken den
Eindruck der Erkenn- und Benennbarkeit abgeschlossener Formen. Bis 1955
dynamisiert sich der Bildeindruck bei Thieler: die Spachtelzüge variieren in Länge
und Breite, die Konturen werden unregelmäßiger und kontrastärmer, die Farbe
wird experimenteller – etwa lasierend oder tropfend – aufgetragen. Schon außerhalb
des hier behandelten Zeitraumes, nach 1955, tritt Thielers Verwandtschaft zu
Riopelle stärker in den Vordergrund, sein Bildaufbau wird kleinteiliger und
straffer rhythmisiert; gleichzeitig begegnen uns Exkurse in die dripping-Technik Pollocks.
Hoehme
Gerhard Hoehme, für Karl
Ruhrberg „unter den deutschen Informellen der grüblerischste“, steht
ebenfalls für eine eher tachistische Malerei unter dem Primat der Farbe statt
der Geste. Dabei ist sein grundlegender Impetus bei der Bildfindung durchaus
mit dem eines Aktionsmalers wie Schultze oder Götz vergleichbar; ein
unartikulierter erster Farbauftrag, eine „absichtslose Nur-Beschmutzung der
Leinwand“ (Hoehme) ist auch für ihn der Keim des Werkes: „Jetzt laufe ich
auf Touren, meine Phantasie entzündet sich, gebiert spontan den nächsten
Fleck dicht daneben. Manchmal ist der nächste Schritt schon ein Auslöschen
des ersten.“ Mit Ölfarbe, Pinsel und Spachtel arbeitet sich Hoehme weiter
vor, meist von links oben abwärts, bis die ganze Leinwand bewältigt ist, zunächst
zögernd, tastend, dann zunehmend sicherer, je mehr sich das Bild aus der Summe
des Vorausgehenden aufbaut. „Man könnte sagen: je weiter der zunächst
‚absichtslose‘ Malprozeß fortschreitet, um so mehr gewinnt der Maler durch
gestalterisch-planende Eingriffe Oberhand über das Bildgeschehen“,
beschreibt Gabriele Lueg dieses additive Verfahren. Die gesteuerte Aleatorik
geht bei Hoehme so weit, daß er zufällig entstehende Wirklichkeitsanklänge
wieder löscht, auftauchende Assoziationen zerstört, bis das Werk ihm selbst
„weitestgehend unbekannt“ wird. Der fleckenförmige, „tachistische“
Farbauftrag schließlich löst jeden Rest von kompositioneller Struktur; alle
Bildstellen sind gleichgewichtig, Eigenwert entfaltet nur die Farbe. Von diesem
Punkt führen konsequente Schritte zu den späteren Borkenbildern, die ganz aus
der Plastizität des Materials „Farbe“ aufgebaut sind, und zu den Farbpfählen,
mit denen Hoehme 1957 vollständig in die räumliche Dimension ausgreift.
Dahmen und Schumacher
Zwei Künstler müssen an
dieser Stelle noch genannt werden, obwohl sie erst – oder weil sie gerade –
1955 zum Informel finden: Karl Fred Dahmen und Emil Schumacher. Beide
entwickeln aus der reliefhaften Behandlung der Farbe heraus eine
Materiemalerei, deren Wurzeln über Fautrier bis auf Klee zurückverfolgt
werden können. Dahmen orientiert sich in der Phase seiner Stadtschaften
(1950-1955) noch eng an Vorbildern aus der konstruktivistischen Abstraktion;
wie aus der Vogelperspektive scheint der Betrachter hier auf die Strukturen
einer Stadt zu blicken, auf das Raster von Straßen und ihren Kreuzungen. Ohne
vom statisch komponierten Bildaufbau abzuweichen, versucht Dahmen seit 1953/54,
die plastische Qualität der Farbe deutlicher herauszuarbeiten; durch den
Wandel von einer relativ glatten zu einer mehr pastosen Malerei wird es ihm nun
möglich, Höhen und Tiefen, die früher illusionistisch dargestellt werden mußten,
als real Vorhandenes zu verwirklichen. Seit 1955 steigert Dahmen die Materialität
der Farbe, indem er ihr Sand, Leim und Bimsmehl zusetzt; als Pigmentstoffe
verwendet er unter anderem verschiedenfarbige geriebene Erde. Die Kombination
unterschiedlicher Malsubstanzen führt beim Trocknen zu Spannungen, zu Rissen
und Kräuselungen der Farbhaut, die Dahmen nicht nur in Kauf nimmt, sondern
durch gezielte Verletzungen erweitert: Einkerbungen und Abbröckelungen lassen
so eine nicht durch malerische Effekte vorgetäuschte, sondern tatsächlich
gebaute und gegrabene Bildtopographie entstehen. Schumacher, der älteste und
gleichzeitig – neben Götz – am nachhaltigsten wirkkräftige unter den
deutschen Informellen, hatte den vielleicht weitesten Weg zurückzulegen. Er
geht noch durch die Gegenständlichkeit, stößt nach dem Krieg auf die
Abstraktion und malt bis etwa 1955 mit breiten Pinselzügen und intensiven
Farben kontrastreiche Strukturen, die allerdings nichts besitzen vom hektischen
Gestus des action painting, sondern von dunklen Verstrebungen zusammengehalten
werden. Wie Dahmen interessiert sich auch Schumacher für die Stofflichkeit der
Farbe; durch Beimengung von Fremdzusätzen, etwa Sand, erhält er taktile
Oberflächen, deren plastische Textur später durch Abschabungen, Einritzungen,
Bohrungen oder das collage-artige Einfügen von Lappen, Pappe oder Rupfen noch
gesteigert wird (am extremsten in den 1956/57 geschaffenen Tastobjekten). Das
Heraustreten der Malerei aus der Zweidimensionalität ist bei Schumacher wie
bei vielen Informellen als logische Fortführung der substanziellen
Farbbehandlung zu beobachten; Farbe erzeugt nun nicht mehr die Illusion von
Raum, Farbe ist Raum.
Früchte.
Ertrag und Ausblick
Farbe, Form, Raum
Wollte man eine Summe dessen
ziehen, was das deutsche Informel wesenhaft auszeichnet, so wird man noch
einmal auf das schon an vielen Stellen durchgeklungene veränderte Verhältnis
von Farbe und Form zu sprechen kommen müssen. Schon der Begriff der
in-formellen Malerei faßt das Phänomen, daß die Unterordnung der Farbe unter
die Form nun konsequent aufgehoben wird; die Form ist – ebenso wie der
Eindruck von Raum, Licht oder Bewegung – eine Funktion der Farbe, nicht
umgekehrt. An Strategien, dieses Ziel zu erreichen, haben die Künstler des
Informel vor allem drei entwickelt: die gestische, die tachistische und die des
Materials. Bei den Malern der Geste, wie Götz oder Sonderborg, dienen unscharf
begrenzte Farbbahnen dem Nachweis der Aktion. Sie sind Niederschlag einer
Dynamik, die meist außerhalb des Bildfeldes beginnt und endet und damit auch
das Bild selbst nur als Ausschnitt eines Möglichen präsentiert. Das
Ineinander unbestimmter Formansätze und die Wucherung über die Bildgrenzen
hinaus (all-over) verhindern die Möglichkeit einer Isolation benennbarer
Formen. Einen ähnlichen Effekt erreicht die tachistische Methode Hoehmes oder
Thielers: der einzelne Farbfleck (tache) ist zwar an sich eine abgeschlossene
Form, besitzt aber keinen über sich selbst hinausweisenden Gestaltwert und
bleibt Fragment; aus der Addition einzelner taches ergibt sich keine zusammenhängende
Großform, sondern eine offene Streuung. Diese bewußte De-Komposition
gewichtet nicht unterschiedliche Bildstellen durch Form- und
Farbkonzentrationen, sondern schafft ein in allen Teilen gleichwertiges
Bildfeld. Die Materiemalerei des späteren Dahmen oder Schumacher schließlich
wirkt einer Formbildung durch die Verdinglichung der Farbe entgegen; ihr möglicher
Illusionismus soll durch eine gesteigerte Plastizität ad absurdum geführt
werden. Von hier ist es nicht weit zu einer Eroberung des Raumes, wie sie nach
1955 für eine Reihe informeller Maler – die action painter ausgenommen –
festgestellt werden kann. Schultze etwa beginnt 1959 mit seinen Tabuskris
genannten Farbreliefs, die ihn Anfang der 60er-Jahre zu den vollplastisch aus
Farbmaterie aufgebauten Migofs führen. Hoehme experimentiert seit 1957 mit
erstarrten Ölfarbefetzen, die er von Leinwänden abzieht und mit ihrer
Kehrseite nach vorne wieder aufklebt (Borkenbilder); gleichzeitig entstehen die
in einem ähnlichen Verfahren hergestellten Farbpfähle und Gemälde mit
unregelmäßigen Außenbegrenzungen (shaped canvas). Schumacher und Dahmen
bleiben zwar beim Tafelbild, erweitern es aber zunehmend durch raumgreifende
Collagen.
Unruhe
Neben diesen formalen
Aspekten muß doch auch der für die Maler des Informel im Hintergrund stets
mitschwingende Impuls ihrer Arbeit mitgedacht werden. Was die informelle Kunst
ihren geistigen Voraussetzungen nach von anderen Strömungen der zweiten
Moderne unterscheidet, ist der Rückzug auf subjektive, individuelle
Positionen, der Versuch, nicht Anknüpfungspunkte und Inspirationsquellen in
der Wirklichkeit zu finden, sondern aus sich selbst heraus kreativ zu schöpfen.
Dieser Zug des Informel, den man ihm oft als Weltabwendung, ja als Flucht vor
der Realität zum Vorwurf gemacht hat, ist für die erste Generation dieser
Malerei eine verständliche Reaktion auf die Erfahrungen der Kollektivität und
Vermassung während des „Dritten Reiches“; die Betonung des Individuums
erschien als ein Akt der Befreiung vom Zwang der Gleichschaltung.
Das aus dem Surrealismus
stammende Moment des Zufälligen, des Unbewußten stellte nach dem Zweiten
Weltkrieg eine adäquate Methode zur Verfügung, um dieser Befreiung Ausdruck
zu verleihen. Dennoch ist der Begriff des Zufalls im Bereich der bildenden
Kunst problematisch: das vollkommen absichtslos entstehende Bild kann es nicht
geben, das Ergebnis ist, ob man es will oder nicht, immer schon in einem
gewissen Maße präjudiziert: durch die Auswahl der während des Malaktes zur
Verfügung stehenden Farben, Materialien und Instrumente; durch das Wissen des
Künstlers um Materialeigenschaften, um Kompositionsschemata und Farbwirkungen,
das sich nicht vollständig ausschalten läßt; schließlich durch die
notwendige, bewußt zu treffende Entscheidung über den Punkt, an dem das Bild
als abgeschlossen betrachtet wird. Während die reine Form der ecriture
automatique die Überlistung dieser Einschränkungen zum Ziel hat, sind bei den
Malern des deutschen Informel von Anfang an Mechanismen der bewußten
Zufallssteuerung erkennbar. Bei Götz ist es der jedem Schritt im Malprozeß
nachgehende Augenblick der Distanzierung vom bereits Geschaffenen, um es auf
seine Wirkung und mögliche Fortsetzungen hin zu überprüfen. Ganz ähnlich
entsteht auch bei Hoehme nur der allererste Malakt aus einer inneren
Notwendigkeit heraus, während bereits der zweite einer Notwendigkeit des schon
vorhandenen Bildfragmentes folgt. Auch Sonderborg verläßt sich nicht auf die
bloße Kraft des inneren Impulses, sondern arbeitet seine schnell hingeworfenen
Strukturen sorgfältig nach. Die Künstler begegnen damit der Gefahr einer
Erstarrung des Zufallsprinzips in der langweiligen Wiederholung. Um die Geste
nicht zur Pose werden zu lassen, entfernen sie sich vom unsicheren Terrain des
radikalen Automatismus immer mehr: Götz etwa fertigt seit 1955 kleine
Strukturskizzen als Vorlagen für seine Bilder, Schultze lenkt den Zufall durch
den bewußten Einbau plastischer Farbwiderstände.
Dennoch:
Grundlage des Informel ist auch in Deutschland der endgültige Abschied von
einer Kunst, die bis zu einem gewissen Grad an Objektives sich gebunden fühlte.
Die Akzeptanz für diese künstlerische Position war in der Anfangszeit äußerst
gering; positive Resonanz in einer breiten Öffentlichkeit fand sie nie. Wenn
sich nach 1955 eine jüngere Generation von Malern der informellen Strömung
zuwandte, konnte sie aber zumindest innerhalb des Kunstbetriebes auf
Sicherheiten aufbauen, die die Vorreiter dieser Richtung geschaffen hatten. Die
ältere Generation hatte diese Möglichkeit nicht; für sie war das Bekenntnis
zum Informel mit einem nicht zu unterschätzenden persönlichen Risiko
verbunden. Gleich nach dem Weltkrieg lag zwar in allem eine Möglichkeit, aber
auch ein Wagnis. Vielleicht war es jedoch gerade diese Unsicherheit, die sich
als Quelle für den kreativen Ertrag erwies; sie ermöglichte die Suche nach
dem Neuen und das Verwerfen des Überkommenen in einer Atmosphäre der schöpferischen
Nervosität. Die Phase des Aufbruchs bis 1955 war eine Zeit der künstlerisch
fruchtbaren Unruhe, und, so schildert Gerhard Hoehme, „oberhalb der Unruhe
waren wir.“
 PDF-Version
des Textes (einschließlich Anmerkungen und Literatur):


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