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Kasperl im Klassenkampf.
Zu einem Video von Verena Seibt

Erscheint in: terrain vague #5, 2009


// I'm gonna start a revolution from my bed. //
(
Oasis: Don't Look Back In Anger)

Revolution würde er auch gerne machen, denkt sich der Kasperl, wie er da aus dem Wirtshaus herauswankt, die Bavaria im Rücken und vor sich die Theresienwiese, den Ort, wo 1918 schon einmal eine Revolution angefangen hat - eine stille, weite Brachfläche, wie eine Verheißung all dessen, was sein könnte und noch nicht ist. Jede Leere erzählt von Möglichkeiten, nur nicht die Leere, die der Kasperl mit sich herumschleppt. Wenn er in sich hineinhorcht, dann ist ihm, als sei der ganze Kasperl um ein Loch herumgebaut, das provisorisch mit Bier gestopft ist und von dem ihm nicht einfallen mag, was dort eigentlich fehlt. Eine Revolution müsste her, er weiß nur noch nicht genau, wogegen oder gar: wofür. Wenn er bloß nicht so betrunken wäre.

Vielleicht sollte er nachhause gehen, aber wo wäre das? Die Stube, wo ihm die Decke auf den Kopf fällt, wo die sanfte Gretl die beiden Kinder in den Schlaf singt, von denen eins sehr sicher nicht vom Kasperl ist? Also doch raus auf die Straße, dem Ärger Luft machen. Denen wird er's zeigen! Einmal mit der Faust auf den Tisch haun! Einmal den Großkopferten den Scheitel geradeziehen! Einmal ausfegen den ganzen Stumpfsinn, und die Enge und die Widerwärtigkeit des Daseins gleich mit. Und den zwei Wachtmeistern wird er auch den Marsch blasen, diesen Phrasendreschern, die nicht merken, wie sie sich lächerlich machen, wenn sie ihre abgestandenen, moralinsauren Binsenweisheiten als Tagesparole ausgeben: „Jeder muss, jeder muss!“ Gar nix muss der Kasperl! Die sollen ihn kennenlernen! Wenn er erst seinen Rausch ausgeschlafen hat. Morgen. Oder auf jeden Fall übermorgen.

Natürlich wird der Kasperl nichts von alldem tun. Wahrscheinlich wird er am Ende doch heimgehen, zur Gretl, dem Kind und dem Bankert, und es wird überhaupt nichts passieren. Keine Revolution, kein Dreinschlagen, kein Aufbäumen. Selbst zu einer anständigen Verzweiflungstat reicht es beim Kasperl nicht. Der Kasperl ist nämlich kein Held, nicht mal ein tragischer. So bleibt Kasperl im Klassenkampf eine Moritat ohne Todesfall, und das Drama besteht genau darin, dass der Kasperl sich vom Schicksal so billig abspeisen und auf die nackte Existenz herunterhandeln lässt: „Leben will ich, leben! Sein will ich, nur sein, sonst nix!“ Was das aber eigentlich ist, dieses Leben, und wie sich aus dem bloßen Sein etwas Eigenes, Unterscheidbares machen ließe - das bleibt dem Kasperl ein Rätsel. Wie das Stück, in dem er seine Rolle spielt, eine Montage aus Textfragmenten ist - aus Oskar Maria Grafs Wir sind Gefangene, Lion Feuchtwangers Erfolg und Peter Handkes Kaspar -, so kann auch er nur seine vorgefertigte Litanei hersagen, die er aus Gstanzln und Bauernsprüchen zusammengeklaubt hat. Was der Kasperl ‚Leben' nennt, ist eines aus zweiter Hand, ein geborgtes, aus Fundstücken zurechtgebasteltes, selbstentfremdetes Leben; und noch die Worte, mit denen er das beklagt, muss er sich von andern in den Mund legen lassen.

Der Kasperl, das ist einer, der seinen Weltschmerz in Alkohol ersäuft, statt sich auf den Hosenboden zu setzen, ein Zerrissener, den die eigene Unruhe immer im Kreis treibt, weil er auf die Ziele pfeift, die andere ihm stecken, aber selbst keine Ziele hat. Da will er der Gesellschaft den Rücken kehren, fürchtet sich aber vor dem, was dahinter ist; hasst die Regeln, die ihn im Zaum halten, und traut sich dann doch nicht auszubrechen, weil es fürs Ausbrechen keine Regeln gibt, an die er sich halten könnte. Dieses Zwischen-den-Stühlen-Sitzen, dieses Drinnen-und-draußen-gleichzeitig-Seinwollen - das macht den Kasperl zu einem hoffnungslos antiquierten Kerl in einer Zeit, die um die goldenen Kälber der Entschlossenheit, Eigeninitiative und Selbstverantwortung tanzt; die jeden zum Schmied des eigenen Glücks ernennt und für den Strauchelnden nur den guten Ratschlag übrig hat, sich eben mehr anzustrengen. Wo soziales Scheitern jedem als das persönliche Versagen angerechnet wird, die Gelegenheiten beim Schopf zu packen, wird Widerstand zwecklos. An die Stelle des Klassenkampfs tritt der Kampf gegen den inneren Schweinehund.

Jeder muss, jeder muss. Aber erzähl das mal dem Kasperl - in uns.


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