Abschied
von der Klasse? Wie Bologna den Kunstakademien einen faden Einheitsbrei
einbrockt und ästhetische Kompetenz vernichtet
Die
Sportwissenschaftler haben sie schon, die Sprachtherapeuten haben
sie, die Brautechnologen ebenfalls. Warum also die neuen
Bologna-Abschlüsse den freien Künstlern vorenthalten? Ein
Bildhauer-Bachelor, ein Maler-Master – die Idee ist auf den ersten
Blick verlockend: der Kunstabsolvent, der bisher von seiner
Hochschule meist nur mit einem einfachen Zeugnis, nicht aber mit
einem akademischen Grad in die Unsicherheiten der Professionalität
entlassen wurde, hätte nun endlich auch eine Nobilitierungsurkunde
vorzuweisen. Die ist zwar nur ein Stück Papier, für den Künstler
ohne Fortune wertlos, bedeutungslos für den mit Erfolg, aber
immerhin eine nette Dekoration zur Beruhigung der Angehörigen, die
immer wollten, daß aus ihren Lieben etwas anständiges wird.
Allein: mit der bloßen Ausgabe von Zertifikaten, die niemandem
nutzen und niemandem schaden, wird es nicht getan sein. Die
Etablierung des Masters und insbesondere des Bachelors auch an den
Akademien droht vielmehr zu einem trojanischen Pferd zu werden, zum
Einfallstor für einen radikalen – und radikal falschen – Umbau
der Künstlerausbildung. Der Kaiser bleibt unter seinen neuen
Kleidern nicht nur nackt – er wird kastriert.
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Unter dem
Schlagwort der europäischen Harmonisierung von Hochschuldiplomen
werden mit Bachelor und Master zwei neue akademische Grade eingeführt,
die als jeweils eigenständige Abschlüsse Berufszugänge auf
unterschiedlichen Einstiegsebenen ermöglichen sollen. Die
zweistufige Aufspaltung der Ausbildung mag überall dort vernünftig
sein, wo die Studieninhalte sinnvoll in obligatorische Basis- und
fakultative Aufbauqualifikationen getrennt werden können. In den
freien Kunstklassen der Akademien, wo es nicht um die Ansammlung
beliebig portionierbaren Wissens, sondern um die Ausreifung von Künstlerpersönlichkeiten
geht, muß sie scheitern. Einmal unterstellt, der Master sei zukünftig
das Abschlußzeugnis für einen fertig ausgebildeten Künstler, der
nach seiner akademischen Inkubationszeit die ästhetische Kompetenz
für den Aufbau eines individuellen Werkes erworben hat: was ist
dann der Bachelor? Ein halb ausgebildeter, ein unfertiger Künstler
vielleicht? Ein armes Würstchen, das zwar innerhalb der Kunstszene
keine Chance hat, aber doch wenigstens beim Pfarrgemeindebazar oder
im VHS-Bastelkurs ein gerngesehener Gast ist?
Es ist klar, daß
es nicht Aufgabe der Akademien sein kann, Dilettanten auszubilden,
und erst recht wird kein Politiker oder Ministerialbürokrat dies
ernsthaft als offizielle Parole ausgeben wollen. Wer aber den
Bachelor für volle künstlerische Kompetenz nicht vergeben kann,
weil diese innerhalb von sechs Semestern kaum zu erwerben ist und
daher für den Master reserviert bleibt, andererseits das
Bakkalaureat für künstlerische Semikompetenz nicht hergeben möchte:
der muß dem neuen Studienabschluß zwangsläufig ein
korrespondierendes Qualifikationsprofil zur Seite stellen, das
weniger auf der Entfaltung eines künstlerischen Potentials denn auf
spezialisierten handwerklichen Fertigkeiten und theoretischem Wissen
beruhen wird. Dieser einschneidende Schritt ist auch schon deshalb
nur zu wahrscheinlich, als sich die im Rahmen des Bologna-Prozesses
angestrebte Modularisierung von Lehrinhalten mit dem bisherigen
System eines künstlerischen Entwicklungskontinuums nicht
vereinbaren läßt; ästhetische Persönlichkeitsbildung wird
ersetzt durch die häppchenweise Verfütterung von „Modulen“,
deren erfolgreiche Verdauung dem Studenten in Form von „credit
points“ in einem Bonuspunkte-Sammelcoupon attestiert wird.
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Dem zweistufigen
Zertifizierungssystem wird also über kurz oder lang ein
zweistufiger Studienaufbau entsprechen (müssen), der mit einem erhöhten
Reglementierungsaufwand und einer notwendigerweise stärkeren
inhaltlichen Differenzierung der Studienabschnitte das bewährte
Modell des kontinuierlichen, eigenverantwortlichen Lernens ersetzen
wird. Die zu befürchtende Zauberformel wird lauten: Vermittlung von
praktischem und theoretischem Wissen im Bachelorstudium, Aufpfropfen
von ästhetischer Kompetenz im Masterstudium. Dabei kommt ein durch
Stundenpläne strukturierbares und durch Prüfungen kontrollierbares
Grundstudium auch der mißtrauischen Ahnungslosigkeit von Politik
und Verwaltung entgegen, die ohnehin nicht verstehen kann, wie in
einer Akademie gearbeitet wird; da Kunst ja bekanntlich von Können
kommt, sollen sich die Damen und Herren Künstler doch bitte zunächst
einmal wieder eine solide Handwerksausbildung angedeihen lassen.
Damit stellt man
allerdings die akademische Ausbildung auf den Kopf: Handwerkliche
Fertigkeiten sind gerade nicht die Voraussetzung für künstlerisches
Schaffen; sie sind (wertvolle) Werkzeuge zur Realisierung von Ideen,
die aber erst sinnvoll zum Einsatz kommen können, wenn eine gewisse
ästhetische Kompetenz bereits vorhanden ist, Instrumente, die bei
Bedarf erworben werden sollten oder die (gerade bei Künstlern, die
in vielen verschiedenen Medien arbeiten) sogar delegierbar sind. An
den Beginn der Akademieausbildung gehört also statt einer frühzeitigen
technischen Perfektionierung und Spezialisierung vielmehr der Erwerb
einer künstlerischen Sensibilität, die Schärfung der Sinne, der
Mut zu alternativen Weltzugängen und die Kreativität, sie in überraschenden,
intelligenten, frischen Formen anderen zu öffnen. Wer dagegen auf
handwerkliche Paukerei setzt, läßt den fleißig nach Anweisung meißelnden,
aquarellierenden, glasblasenden oder erzgießenden Studenten sechs
Semester lang im Unklaren darüber, ob er über dieses zusätzlich
und vor allen andern Dingen notwendige kreative Potential überhaupt
verfügt, und gibt sich der naiven Erwartung hin, der künstlerische
Reifungsprozeß könne später in vier Semestern Masterstudium im
Zeitraffer nachgeholt werden.
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Völlig unklar
ist, wie sich mit einer zu „Modulen“ zerhackten Ausbildung das
bisherige System der Künstlerklassen vereinbaren läßt. Es ist
nicht unwahrscheinlich, daß als unmittelbare Folge der zu
erwartenden Umstrukturierungen gerade dieser Kern des
Akademiestudiums plötzlich zur Disposition stünde und sich seine
weitgehende Abschaffung zugunsten eines Kurssystems – als des dann
praktikableren Modells – geradezu aufdrängte. Das mag sich gut
mit existierenden Vorbehalten gegen das Klassenprinzip treffen, die
freilich ein lang vergangenes Bild dieser Einrichtung vor Augen
haben. Die Studenten als subalterne Epigonen, die schablonenhaft
ihren Lehrer kopieren, sofern sie nicht als dessen Handlanger die
weniger prominenten Stellen der professoralen Meisterwerke
fertigpinseln dürfen – das ist Schnee von vorvorgestern. Heute
bedeutet die Einbindung des Studierenden in eine Klasse vor allem
die Möglichkeit eines kommunikativen Austausches von Argumenten, an
denen sich das eigene Profil schärfen läßt; gerade auch die
Konfrontation mit
Kommilitonen, die bereits weiter fortgeschritten sind, fördert die
künstlerische Reifung und die Entwicklung eines eigenständigen
Werkzusammenhangs. Das Wasser, in das der Student geworfen wird, mag
in den ersten Semestern etwas kalt sein – aber schwimmen lernt er
bestimmt.
Die
Akademieklasse ist somit ein Ort, der einerseits eine geschützte
Sphäre für ästhetische Experimente bietet, der aber gleichzeitig
von Beginn an die Realität künstlerischen Schaffens simuliert, das
eben nicht im gemütlichen Abarbeiten einer Stundentafel besteht,
sondern im selbst zu verantworteten Setzen von Zielen,
Schwerpunkten, Themen. Die vermeintlichen Freiheiten des
Kunststudenten, die von außerhalb oft argwöhnisch als libertinärer
Laisser-faire-Schlendrian betrachtet werden, sind nichts anderes als
der sonst stets vehement geforderte Praxisbezug der Ausbildung; sie
sind Freiräume, die auf die Gefahr des Scheiterns hin gefüllt
werden wollen. Dabei sind Krisen nicht auszuschließen; der Absturz
eines ästhetischen Seiltänzers ist freilich halb so schlimm,
vielleicht sogar notwendig, solange er sich während des Trainings
ereignet, wenn das Netz eines Klassenverbandes den freien Fall noch
aufzufangen vermag. Mit der Verschulung des Kunststudiums und der
Aufgabe des Klassenmodells zerstört man beides: die fruchtbaren
Risiken der künstlerischen Selbstbestimmtheit ebenso wie die
eingebauten Sicherheitsleinen. Am Ende leidet die Qualität der
Absolventen: Wer seine Hochseilartisten nur Trockenübungen machen läßt,
erhält eben bestenfalls Pausenclowns.
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Die
Zweistufigkeit des Studiums mag für die Universitäten als
Patentrezept gehandelt werden – für die Akademien ist es Gift;
nicht wegen der neuen Titelchen, die keinem wehtun, sondern wegen
des gravierenden Eingriffs in die Struktur der künstlerischen
Ausbildung, den sie fast zwangsläufig nach sich ziehen werden. Im
Sog der vermeintlichen Notwendigkeit einer europaweiten
Vereinheitlichung von Hochschulabschlüssen wird übersehen, daß
eine Übernahme des universitären Zertifizierungssystems an den
Akademien vollkommen überflüssig ist. Während die
wissenschaftlichen Hochschulen den Spagat auszuhalten haben, sowohl
Wissenschaftler als auch Nachwuchskräfte für den Wirtschaftsmarkt
auszubilden, und sich deshalb den legitimen ökonomischen
Forderungen nach stärker berufsorientierten Studiengängen
ausgesetzt sehen, sind die Kunsthochschulen von einer ähnlich
schizophrenen Erwartung befreit. Niemand verlangt von ihnen, sowohl
freie Künstler als auch Schaufensterdekorateure, Schreinermeister
oder Elektrotechniker hervorzubringen. Die Akademien produzieren
Absolventen, die sich allein als Künstler zu behaupten haben. Auf
dem terrain vague ihres Berufes gewähren formale
Qualifikationsnachweise keinerlei Sicherheiten; der Maßstab für
Erfolg und Mißerfolg eines Künstlers ist seine aktuelle ästhetische
Praxis, über die ein irgendwann erworbenes Bachelor- oder
Masterdiplom keine Aussage trifft. Die internationale
Vergleichbarkeit von formalen Abschlüssen mag dort sinnvoll sein,
wo tatsächlich formale Abschlüsse verglichen werden; Künstler
aber stehen nicht im Wettbewerb mit Titelinhabern, sondern mit
Vertretern eines je individuellen Werkes.
Es ist Augenwischerei, Zertifikate
auszugeben, die zwar tröstende, aber uneinlösbare Wechsel auf eine
gesicherte Zukunft darstellen. Die Zerstörung gewachsener und
hocheffizienter Studienstrukturen an den Akademien wäre ein hoher,
ein zu hoher Preis für den falschen Glanz neuer akademischer Grade,
die als Freifahrscheine verkauft werden, in Wirklichkeit aber nur
Bahnsteigkarten sind. Vielleicht, so bleibt trotz berechtigter
Skepsis zu hoffen, ist ja der Zug noch nicht ganz abgefahren.
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