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Video, s/w, 1:37 min, 1980/2005. Download [.wmv | ca. 3 MB]

Man hört: ein Lied. „Hänschen klein“, ein Lied über das Weggehen, Großwerden, Wieder-zurückkommen. Die Geschichte vom verlorenen Sohn, gesungen von einem zweijährigen Kind. Man sieht: einen jungen Mann, die Lippen bewegend, singend. Der Mann von heute. Das Kind von damals. Eine Arbeit über das Weggehen, Großwerden, Vielleicht-wieder-zurückkommen.

Im Rahmen der Ausstellung 105 km, Kreuzherrnsaal Memmingen, 2005

 

1.

Hänschen klein
Ging allein
In die weite Welt hinein.
Stock und Hut
Steht im gut,
Ist ganz wohlgemut.
Aber Mutter weinet sehr,
Hat ja nun kein Hänslein mehr!
„Wünsch’ dir Glück!“
Sagt ihr Blick,
„Kehr’ nur bald zurück!“

2.

Sieben Jahr
Trüb und klar
Hänschen in der Fremde war.
Da besinnt
Sich das Kind,
Eilet heim geschwind.
Doch nun ist’s kein Hänschen mehr.
Nein, ein großer Hans ist er.
Stirn und Hand
Braun gebrannt
Wird er wohl erkannt?

3.

Eins, zwei, drei
Geh’n vorbei,
Wissen nicht, wer das wohl sei.
Schwester spricht:
„Welch Gesicht?“
Kennt den Bruder nicht.
Kommt daher die Mutter sein,
Schaut ihm kaum ins Aug hinein,
Ruft sie schon:
„Hans, mein Sohn!
Grüß dich Gott, mein Sohn!

 

„Es geht um den Umbau der Welt zur Heimat, ein Ort, der allen in der Kindheit scheint und worin noch niemand war.“

aus: Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung  



„[...] Im Zeitalter der Globalisierung erscheint es eher ein Ausdruck von Nostalgie oder Konservativität, über Heimat zu reden. Der modernisierte Mensch, mobil, flexibel, weltweit vernetzt (so zumindest lässt es die Ideologie der Globalisierung erscheinen) braucht keine Heimat mehr. Er ist überall auf der Welt zuhause, und die Welt erreicht ihn noch im abgelegensten Winkel über Produkte, Medien und wirtschaftliche Zusammenhänge. Es gibt keine abgeschlossene Enklave, keinen sicheren Rückzugsort mehr, den man noch als Heimat bezeichnen könnte. [...] Heimat [ist] ein biografischer Ort, ein Ort, der zwar nicht nur in der Kindheit ist, aber in dieser wesentliche Prägungen erfährt. [...] Kinder nehmen Heimat nicht nur passiv wahr und auf, sondern bewerten, beeinflussen und verändern sie von Anfang an. Das erklärt, warum ein und dieselbe „objektive“ Heimat von zwei Menschen ganz unterschiedlich wahrgenommen, beschrieben und bewertet werden kann. Heimat hat also bereits in der kindlichen Entwicklung etwas mit dem Hinausgehen, der Erweiterung seines Radius und damit seiner eigenen Handlungsmöglichkeiten zu tun. Das Besondere der Heimat, das was typisch für „uns“ ist, wird häufig dann deutlich, wenn man sie verlässt und sich mit dem Fremden, Unbekannten konfrontiert. Gerade für Kinder ist die Vorraussetzung für dieses Hinausgehen aber Geborgenheit, Urvertrauen, sichere Bindung, also eine relative Sicherheit darüber, dass die Heimat noch da ist, wenn ich „heimkomme“, noch so ist, wie ich sie verlassen habe. Das deutsche Kinderlied „Hänschen klein“ erzählt genau diese Erfahrung des Hinausgehens und Zurückkommens, mit einer zugegeben etwas repressiven Mutter, die zwar weint, aber eben auch noch da ist, wenn Hänschen heimkommt.

aus: Beate Mitzscherlich, Brauchen Menschen Heimat? Die psychologische Notwendigkeit von Beheimatung