Komm, wir bauen
eine Stadt.
Wie in den 1960er-Jahren der Traum vom Urbanen am Verfall des öffentlichen
Raums scheiterte. Einige Stadtrandbemerkungen aus München-Neuperlach
In:
Mitteilungen
der Geographischen Gesellschaft München (Sonderheft), 2006, S.
60-73 | Photographie: Thomas Stankiewicz (1979)
Von oben sieht man die Alpen – das hatte schon Alexander
Mitscherlich, der immer kritische Anwalt der menschenwürdigen Stadt
und Berater der Neuperlach-Planer, wohlwollend festgestellt, als er
für einige Tage zum Probewohnen in das gerade neuerrichtete Zentrum
des Münchner Satelliten gekommen war. Von unten betrachtet freilich
wird der gewaltige, bis auf eine Höhe von 18 Stockwerken
ansteigende Häuserkranz selbst zum Gebirge, das die Menschen, wie
um es etwas kleiner zu machen, schon lange ‚Wohnring‘ getauft
haben. Wer heute den Weg hierher findet, wird vielleicht weder die
einstige Euphorie nachempfinden können, mit der die Mitte
Neuperlachs einst als „kühner Griff nach einem neuen Carcassone“
(Schulz 1968) beschworen wurde, noch den Hass auf eine „grüne,
entballte, saubere, faschistische, gemeinnützige Endlösung“
(Dietrich 1969) teilen wollen. Aber vielleicht wird er sich wundern
zu hören, dass dieser Wohnring, der in einer leeren Geste die Arme
um eine weite Grünfläche spannt, einmal das Herz einer richtigen
Stadt sein sollte: urban, unverwechselbar und mit allen
Einrichtungen eines eigenständigen, großstädtischen Gemeinwesens
– einem Bürgerhaus mit Bibliothek und Volkshochschule, einem
‚Lichtspieltheaterzentrum‘ und einem ‚Künstlerhof‘, nicht
zu vergessen das Richard-Strauss-Konservatorium, das Hallenbad, die
Radrennbahn, die Eislaufarena oder gar das Sportstadion für 10.000
Besucher (vgl. Landeshauptstadt München / Arbeitsgemeinschaft
Stadtentwicklungsplan München 1963, S. 11 / Landeshauptstadt München
/ Baureferat 1965, S. 19f. / Landeshauptstadt München / Neue Heimat
Bayern 1967, Anhang / Luther 1967b, S. 10). Nichts von alldem wird
der Besucher des Jahres 2005 zu Gesicht bekommen, und vergeblich
wird er auch auf das „pulsierende[...] städtische[...] Leben“
(Luther 1966, S. EB 55) hoffen, „wie wir es von den Plätzen des Südens
unseres Kontinentes kennen“ (Hartmann 1967, S. 63). Denn was unser
Besucher sieht, ist eine riesige Stadtmauer – ohne Stadt.
Warum aus Neuperlach keine Stadt geworden ist? Aus der
Summe der zahlreichen, scheinbar disparaten Gründe werden meist der
Mangel an kulturellen und gesellschaftlichen Einrichtungen oder das
Gefühl architektonischer Monotonie und Beklemmung genannt. Allein:
So sehr man das Fehlen aller einst versprochenen Attraktionen
bedauern mag oder die Betonästhetik der 1960er- und 1970er-Jahre
verteufeln will (bevor man sie in Kürze möglicherweise genauso
‚wiederentdeckt‘ wie heute die Architektur der 1950er) –
nichts davon trifft den Kern des Problems. Dass aus Neuperlach keine
Stadt wurde, hat seine weitaus grundsätzlichere Ursache in der
planerischen Vernachlässigung des öffentlichen Raums, der unter
dem Druck einer ideologisch unreflektierten, heterogenen Konzeption
jede urbane Anmutung verlor. Mit dieser Perspektive auf Neuperlach
soll ganz bewusst die morphologische Qualität des Stadtraums – im
weiteren Sinne die Baumassen- und Funktionsverteilung sowie die
Disposition über Straßen- und Wegeverläufe – als eine
wesentliche Dimension von ‚Urbanität‘ betont werden, die im
Unzuständigkeitsbereich kunstwissenschaftlicher Architekturkritik
und soziologischer Sozialstrukturanalyse oft unsichtbar bleibt,
obwohl (vielleicht auch: weil) gerade hier die einmal getroffenen
konzeptionellen Entscheidungen weitgehend irreversibel sind.
Was nun
der Raumstruktur Neuperlachs auf den Magen schlägt, ist – so die
hier vertretende These – die Vermengung noch halbgarer neuer
urbanistischer Ideen der 1960er-Jahre mit einigen schlechtverdauten
alten der 1940er- und 1950er-Jahre: Zwar sind mit dem Bekenntnis zu
einer städtischen, ja großstädtischen Lebensform und dem Glauben
an eine ‚Gesellschaft durch Dichte‘ bei den Planungen für
Neuperlach seit 1961 wesentliche Symptome einer sich bereits
vollziehenden Renaissance des Urbanitätsgedankens zu beobachten –
bemerkenswerterweise zu einem Zeitpunkt, als dieser noch kaum
formuliert, geschweige denn allgemein akzeptiert war. Doch fehlte
dieser in der Praxis noch völlig unerprobten urbanen Stadtidee
jegliches neue städtebauliche Instrumentarium. In dieses Vakuum
konnten die Prämissen früherer Leitbilder – die der
‚Autogerechten Stadt‘, des ‚Organischen Städtebaus‘ und der
‚Gegliederten und aufgelockerten Stadt‘ – umso leichter vorstoßen,
als sie über ein vollständig ausgearbeitetes Programm an städtebaulichen
Lösungen verfügten. Ihre Strukturvorstellungen und die mit ihnen
verbundenen gestalterischen Vorgaben schoben sich in die Zwischenräume,
die der bloße Wunsch nach einer ‚urbanen Stadt‘ offenließ.
Somit speisen sich die entscheidenden Grundlinien der städtebaulichen
Konzeption Neuperlachs paradoxerweise aus eben jenen Leitbildern der
Vergangenheit, die sich gerade nicht der Idee des urbanen, großstädtischen
Lebens verpflichtet fühlten, sondern die vielmehr aus einer bis zur
Feindseligkeit getriebenen Kritik an der Stadt deren Auflösung
propagierten. Diese Präsenz städtebaulicher Mittel, die die
instrumentell noch kaum unterfütterte Sehnsucht nach Urbanität
aushöhlten, ist der Konflikt, an dem das Projekt Neuperlach
scheiterte, und eben das Scheitern der Stadtutopie macht es zu einer
idealtypischen Erscheinung am Übergang von den Satellitenstädten
der ersten zu denen der zweiten Generation.
Einmal Utopie und zurück
„Der feine explosive Reiz von Mensch und Stadt und Stein
(...) trocknet bei uns ein. Perlach ist wieder ein Versuch, es durch
Architektur noch einmal zu erzwingen“ (Schulz 1968). In der Tat
war das urbanistische Experiment vor den Toren Münchens eines der
größten und – vor allem – eines der ehrgeizigsten Städtebauprojekte
der westdeutschen Nachkriegsgeschichte. Münchens erste und einzige
Satellitenstadt ist denn auch in zweierlei Hinsicht bemerkenswert:
In ihren Dimensionen und in ihrem Anspruch. „Im Verlauf der
Geschichte“, schreibt Alexander Mitscherlich, „war noch nie die
Aufgabe gestellt, in womöglich nicht einmal einem Jahrzehnt 80.000
Menschen an einem Ort ein Unterkommen zu schaffen, auf der grünen
Wiese mit einem Schlag 23.000 Wohnungen, eine Stadt, zu erstellen“
(Mitscherlich 1970). Das konzeptuelle Ziel des Entwurfs ist damit
bereits umrissen: Man wollte nicht allein dringend benötigten
Wohnraum produzieren, sondern eine „Stadt für die Zukunft
bauen“ (Neue Heimat Bayern ca. 1969, S. 1).
Die Größe dieses seit 1961 Schritt für Schritt
verwirklichten Unternehmens ist nur vor dem Hintergrund seiner Zeit
voll zu ermessen. Wo wäre seit dem Wiederaufbau nach dem Zweiten
Weltkrieg in Deutschland überhaupt eine Stadt entstanden mit dem
Recht auf diese Bezeichnung? Wo war das städtische Fluidum an der
Peripherie nicht zum dünnen Rinnsal geworden und versickert? Als
man zu Beginn der 1960er-Jahre daranging, rund um den alten
Perlacher Dorfkern eine ‚Entlastungsstadt‘ zu projektieren, gab
es nichts als eine riesige ebene Ackerfläche – und den Vorsatz,
hier alles besser zu machen. Neuperlach sollte nicht den Charakter
einer beliebigen Schlafsiedlung ohne eigene Identität erhalten,
sondern selbst zu einem Ort „urbaner Atmosphäre“ (Hartmann ca.
1969, S. 13) werden, an dem „durch städtebauliche Maßnahmen“
die Voraussetzungen „für das Entstehen echten städtischen
Lebens“ (Luther 1967b, S. 2) zu schaffen waren. In ihrem Quartier,
das mit „einem charakteristischen Stadtbild, mit städtischen
Grundformen und Dimensionen“ geplant war, sollten sich die
Menschen „als Städter fühlen“ (Mücke 1967, S. 38). Nichts
weniger war versprochen, als nach den Sünden des Siedlungsbaus der
1950er-Jahre in Neuperlach mit der „Vision der europäischen Stadt
als Leitgedanke[n]“ (Hartmann ca. 1969, S. 16) endlich den Schritt
hin zur modernen, humanen, urbanen Stadt zu tun.
Einige
zehntausend Menschen waren seit der Grundsteinlegung im Mai 1968 an
diesem Großversuch beteiligt. Dass das Experiment Neuperlach
gescheitert ist, steht dabei nicht nur für die öffentliche Meinung
seit langem fest. Vielmehr war der große Plan, eine neue Stadt am
Rand der alten zu errichten, auch aus dem Gedächtnis der
Verantwortlichen schneller verschwunden als die Bagger und Kräne
aus den Baugruben. Bereits im Juni 1971 sprach Ludwig Geigenberger,
der Direktor des Hauptbauträgers ‚Neue Heimat‘, von Neuperlach
als „diesem neuen Stadtteil, der ja gar nicht Stadt in sich,
sondern Teil einer Stadt, nämlich Münchens, sein will“ (Geigenberger
1971, o. S.). Und drei Jahre später bekannte er: „Schon der
Begriff Städtebau im Zusammenhang mit Projekten wie Neu-Perlach ist
– so meine ich – irreführend. Ich hielte hierfür eine
Terminologie wie Großsiedlungsbau oder Vorstädtebau oder
Stadtteilbau für treffender und ehrlicher“ (Geigenberger 1974, S.
21).
Einsprüche und Widersprüche
Schon der 1960 vom Stadtrat verabschiedete sogenannte ‚Münchner
Plan‘ hatte zur Linderung der akuten Wohnungsnot den Bau von Großsiedlungen
am Stadtrand oder in den Vororten vorgeschlagen und dabei bereits
auf das Areal in Perlach hingewiesen. Im selben Jahr wurde die
‚Arbeitsgemeinschaft Stadtentwicklungsplan‘ unter der Leitung
des Kieler Stadtbaurats Herbert Jensen mit der Erarbeitung eines Münchner
Stadtentwicklungs- und Gesamtverkehrsplans betraut, der die hauptsächlich
wohnungsbaupolitischen Forderungen des ‚Münchner Plans‘ in ein
umfassenderes urbanistisches Konzept einbinden und zu einem
allgemeinen städtebaulichen Leitbild ausbauen sollte. Parallel dazu
erhielt die Arbeitsgemeinschaft Anfang 1961 den Auftrag, im Bereich
Perlach den Entwurf für eine Satellitenstadt von 80.000 Einwohnern
zu erarbeiten. Für diese Aufgabe bildete sich eine eigene
Planungsgruppe um den Architekten Egon Hartmann, der 1951 als
Gewinner des Wettbewerbs zur Bebauung der Ost-Berliner Stalinallee
bekannt geworden war. Durch die enge institutionelle und personelle
Verknüpfung der beiden Projekte ist Neuperlach als die praktische
Umsetzung der städtebaulichen Leitideen zu betrachten, die dem nach
dreijähriger Arbeit 1963 vorgestellten Stadtentwicklungsplan
zugrundelagen. Dessen allgemeine Prämissen wurden für Neuperlach
in zwei Stufen, durch eine Planungsstudie (1963) und einen
umfassenden Strukturplan (1965), konkretisiert und später in
Bebauungsplanentwürfe für die einzelnen Bauabschnitte überführt
(von denen im folgenden nur die vier nördlichen, in den 1960er- und
1970er-Jahren realisierten Abschnitte Beachtung finden, da die
Quartiere Süd I und Süd II seit Mitte der 1980er-Jahre unter ganz
anderen städtebaulichen Grundsätzen errichtet wurden).
Leitender Gedanke des Stadtentwicklungsplans war die Förderung
einer Expansion der Stadt und ihrer Umlandgemeinden in Form
kompakter Siedlungseinheiten, die zu „Kernen mit größerer
Bebauungsdichte“ (Landeshauptstadt München 1963, S. 26) und je
eigenen kulturellen und wirtschaftlichen Zentren heranwachsen
sollten. Zusätzlich zu den kleineren Außenkernen sollten an
stadtstrukturell günstigen Punkten, etwa in Neuperlach, „Zentren
größerer Einzugsbereiche mit gehobener kultureller und
wirtschaftlicher Bedeutung“ (ebd.) entstehen. Dieses
polyzentrische Grundkonzept wurde mit dem radialen Ordnungsschema
eines an den (S-) Bahntrassen orientierten, sternförmig von innen
nach außen strahlenden Gliederungsgerüsts verbunden, an dem sich
wie Perlen an einer Schnur die neuen Siedlungen aufreihen sollten.
Neuperlach sollte beiden Aspekten gerecht werden und einerseits
durch eine „einheitliche und erkennbar zusammenhängende
Struktur“ als „Bollwerk gegen ein weiteres Zerfließen der
Einzelhausbebauung in die Landschaft“ (Luther 1967b, S. 2) dienen,
andererseits die Stadtviertel auf der Linie Zentrum - Haidhausen -
Ramersdorf aufwerten.
Mit seinem Konzept der „massierten“ (Landeshauptstadt München
1963, S. 26) Bebauung ist bereits der Stadtentwicklungsplan von 1963
als klare Absage an jene Anfang der 1960er-Jahre noch immer
verbreitete, anti-urbane ‚Auflockerungs‘-Romantik zu verstehen,
welche die typisch städtische Ballung von Mensch und Stein als
hygienischen und sozialen Gefahrenherd fürchtete und im Interesse
des ‚gesunden Lebens‘ eine drastische Reduzierung der Baudichten
forderte. Der urbane Gegenreflex fand auch in Neuperlach seinen
Niederschlag in der Vorgabe einer „Konzentration der Flächen“
(Landeshauptstadt München / Arbeitsgemeinschaft
Stadtentwicklungsplan München 1963, S. 6) und einer
„Stadtgestaltung mit optisch räumlicher Dichte“ (Luther 1967b,
S. 2). Die Planungsstudie von 1963 forderte dementsprechend
Geschossflächenzahlen bis an die gesetzlich zulässigen Grenzen; im
Wettbewerb um die Zentrumsgestaltung ermutigten die Auslober sogar
ausdrücklich zu Vorschlägen, die über die damals geltenden Höchstnutzungen
hinausgingen, und entschieden sich schließlich für einen
entsprechenden Entwurf. Die in Neuperlach letztlich realisierten
Geschossflächenzahlen, die je nach Bauabschnitt zwischen 1,0 und
1,2 betragen, reichen zwar bei weitem nicht an die Dichtezahlen
innerstädtischer Quartiere heran, markieren aber die Tendenz hin zu
einer städtisch bemessenen Bevölkerungskonzentration. Mit der Rückbesinnung
auf die Notwendigkeit urbaner Ballung bewegten sich die Planer
Neuperlachs verhältnismäßig früh im Windschatten jener scharfen
Einsprüche, die zu Beginn der 1960er-Jahre gegen die trostlosen
Peripheriesiedlungen der Nachkriegszeit erhoben worden waren. Vor
allem von Seiten der Sozialwissenschaften regte sich Widerstand
gegen die „Unwirtlichkeit unserer Städte“ (Mitscherlich 1965)
und den „Zerfall des öffentlichen Lebens“ (Bahrdt 1968, S.
115). ‚Gesellschaft durch Dichte‘, das Motto einer BDA-Tagung
von 1963, wurde zum Ziel progressiver Stadtplanung.
Zu den Erfolgen der aufkeimenden Städtebaukritik zählte
auch, dass in den Stadtplanungsprozess vermehrt Soziologen und
Sozialpsychologen einbezogen wurden, die nun, wie Alexander
Mitscherlich und Hans Paul Bahrdt als Berater bei der Konzeption des
Neuperlacher Zentrums, selbst Mitverantwortung trugen – freilich
auf die Gefahr hin, dabei ihre Distanz zu den jeweiligen Projekten
zu verlieren. Wie unsicher selbst bei prominentester Mitwirkung die
neuen urbanistischen Rezepte aber noch waren, kann in Neuperlach
beispielhaft am Umgang mit dem Dogma der Funktionstrennung
beobachtet werden. Die Leitidee der ‚Verdichtung‘ hatte auch
hier einen Paradigmenwechsel angezeigt: in einer Abkehr von den Prämissen
der ‚Charta von Athen‘, die eine hygienische Unverträglichkeit
der unterschiedlichen städtischen Funktionen behauptete und ihre
großräumige Entflechtung vorschlug, sollte nun die kleinräumige
Durchmischung die funktionale ‚Dichte‘ der „hochgradig
integrierte[n] alte[n] Stadt“ (Mitscherlich 1965, S. 9)
wiederbeleben. Das in Neuperlach verfolgte Ziel einer „gesunde[n]
Funktionsmischung“ (Luther 1967a, S. 36) verrät aber schon den
Zwiespalt der Planer, die dem Wunsch nach Integration noch immer das
enge Korsett überholter Gesundheitsbedenken anlegten. Der Münchner
Stadtentwicklungsplan von 1963 spricht eine noch deutlichere
Sprache: „Die seit 1950 wahrnehmbare Tendenz zu Stadtbezirken mit
reiner Wohn- oder Industrienutzung wird in Zukunft stark zu unterstützen
sein“ (Landeshauptstadt München 1963, S. 27). Die bereits
schwindende Bedeutung innerstädtischer Industriezonen und die
steigenden Flächenansprüche des Dienstleistungs-, Verwaltungs- und
Forschungssektors werden nicht thematisiert, geschweige denn als
Chance für eine echte Funktionsmischung begriffen. Wann immer
hiervon die Rede ist, steht der Begriff für eine „gegenseitige
Zuordnung“ (ebd. S. 20), nicht für eine Durchdringung der
Funktionen.
Von den letztlich recht begrenzten Zugeständnissen an das
neue Schlagwort der funktionalen Verdichtung zeugt denn auch die
Realität Neuperlachs. Angesichts eines Angebots von etwa 25.000
Arbeitsplätzen, einer ausgezeichneten Infrastruktur an Schulen und
Sportanlagen sowie weit über 100 Geschäften, Dienstleistern und
Gastronomiebetrieben kann zwar nicht, wie oft geschehen, von einer
‚Schlafstadt‘ gesprochen werden – es zeigt sich allerdings,
dass die verschiedenen Funktionen innerhalb Neuperlachs wohl alle
vorhanden sind, im kleinräumigen Maßstab aber durchaus voneinander
getrennt bleiben. Knapp 90 Prozent der Bevölkerung wohnen in
Bereichen, die als reine Wohngebiete ausgewiesen sind; die Einkaufsmöglichkeiten
des täglichen Bedarfs konzentrieren sich auf die insgesamt fünf
Subzentren Neuperlachs, von denen die drei jüngeren eine
Integration erdgeschossiger Ladenflächen und darüberliegender
Wohnungen wagen, während die beiden älteren als isolierte,
aufgestelzte Einkaufsplateaus ohne baulichen Zusammenhang mit den
Wohnhäusern gestaltet sind; kirchliche Einrichtungen sind bis auf
eine Ausnahme nie in die Subzentrumsbereiche integriert, sondern
liegen abseits; Arbeitsstätten finden sich fast ausschließlich im
Umgriff des Hauptzentrums, wo sie ein monofunktionales Band an Bürokomplexen
bilden. Die ‚Stadtmitte‘ Neuperlachs schließlich war zwar im
Unterschied zu den übrigen Bauabschnitten als Überlagerungszone
aller städtischen Funktionen geplant; jedoch verwarf man die Idee
einer Funktionsverschränkung im Interesse einer wirtschaftlicheren,
additiven Bauausführung schon bald zugunsten einer klaren Trennung
von Wohn-, Einkaufs- und Verwaltungsbereichen, während die
kulturellen und sportlichen Nutzungen dem Rotstift zum Opfer fielen.
Was von
der erhofften urbanen Atmosphäre des öffentlichen Raums übrig
blieb, ist im Herzen Neuperlachs die nach Ladenschlusszeiten
organisierte Pseudo-Öffentlichkeit hinter der Klimaschleuse des
riesigen Einkaufszentrums, das wie ein Schwamm das Leben aus den
Straßen saugt. In den übrigen, funktional jeweils klar definierten
und überschneidungssfrei nebeneinandergesetzten Bereichen des
Quartiers wird die Vielfalt der städtischen Angebote und Möglichkeiten
immer nur in Ausschnitten sichtbar. Die solchermaßen entflochtene
Stadt bietet statt einer vielschichtigen Lebenswelt nur mehr
zweckorientiert sortierte Benutzeroberflächen, die ihren Bewohnern
ein entsprechendes Verhalten abverlangen und sie einer
ungerichteten, spontanen Nutzung und Aneignung des Raums entwöhnen.
Keine Abenteuer, nirgends. So erzeugt der öffentliche Raum auch
keine Identität – denn Verortung fällt schwer, wo es
Funktionszonen gibt, aber keine Orte.
Ideen von gestern für die Stadt von
morgen
Wie wenig sich die theoretische Wiederentdeckung der Stadt
in Neuperlach auf ein praktisches städtebauliches Programm stützen
konnte, das aus diesem Geist heraus entwickelt worden wäre, ist
auch an den Planungskonstanten abzulesen, die neben den Prämissen
der Bevölkerungsverdichtung und der (wenigstens großräumigen)
Funktionsmischung die Konzeption und den Bau der
‚Entlastungsstadt‘ als Leitgedanken begleiteten: an der strikten
Trennung des motorisierten Verkehrs vom Fußwegesystem sowie der
kleinteiligen Durchgrünung und der optimalen Besonnung. Diese für
die Raumstruktur Neuperlachs grundlegenden urbanistischen
Instrumente stammten nicht aus dem neuen Ideenfundus der
Urbanisierungsbewegung, die ja mit dem Schlagwort einer
‚Gesellschaft durch Dichte‘ zwar eine Zielmarke, aber keine
Gebrauchsanleitung für den Bau einer Stadt angeboten hatte.
Stattdessen bediente man sich – ob bewusst oder unbewusst – aus
dem Werkzeugkasten der organizistischen Leitbilder, die in den
1940er- und 1950er-Jahren entstanden waren und den Städtebau nach
dem Zweiten Weltkrieg maßgeblich beeinflusst hatten. Gemeinsam war
diesen Stadtmodellen die Ableitung der städtischen Raumorganisation
aus natürlichen Strukturen, Wachstumsschemata oder Fließvorgängen,
in denen man das ursprünglichste und damit verbindliche Vorbild
sowohl für den ‚Organismus‘ der Stadt als auch für den
‚sozialen Organismus‘ der Gesellschaft und des Staates zu
erkennen glaubte.
Angesichts der vielfachen Bekenntnisse der Planer
Neuperlachs zur Idee der Stadt muss die Rezeption der
organizistischen Leitbilder insofern irritieren, als sich in ihnen
mit der Stilisierung der Natur eine geradezu aggressive Aversion
gegen die Großstadt verband. Hans Bernhard Reichow, der mit seiner
1948 erschienenen ‚Organischen Stadtbaukunst‘ und der
‚Autogerechten Stadt‘ von 1959 zu einem der einflussreichsten
urbanistischen Stichwortgeber der Nachkriegszeit wurde, sah in ihr
das getreue „Spiegelbild einer von der unbewältigten
Mechanisierung und Vermassung zerstörten Lebensordnung und
Daseinsharmonie“, einen Ort „asozialer Elemente“ und
„arbeits- und lichtscheue[r] Kreaturen“ (Reichow 1948, S. 4).
Und auch Johannes Göderitz, Roland Rainer und Hubert Hoffmann,
deren 1957 veröffentlichte, im wesentlichen jedoch schon vor 1945
entworfene ‚Gegliederte und aufgelockerte Stadt‘ zum zweiten
organizistischen Manifest wurde, stellten den „Fehlbildungen und
Entartungserscheinungen“ (Göderitz 1957, S. 90) der Stadt die
Kraft des gesunden Landlebens gegenüber. Der behaupteten Krise, ja
Krankheit der modernen, übervölkerten, anonymen, unhygienischen,
chaotischen Metropole begegnen die organizistischen Entwürfe mit
einer radikalen Absage an die tradierte Gestalt und Raumstruktur der
europäischen Stadt. Um aus dem Moloch der „Entseelung,
Entinnerlichung und Vermassung“ (Reichow 1948, S. 12) wieder das
„gesunde[...] Gehäuse einer neuen Lebenseinheit“ (ebd.
S. 9) zu machen, soll der Gegensatz von Stadt und Natur zugunsten
einer neuen Stadtidee aufgegeben werden: „Von der geschlossenen
und kompakten Stadt zur aufgelockerten, gegliederten
Stadtlandschaft“ (ebd. S. 64) führt der Weg. Das Ende der
steinernen Stadt propagierten auch Göderitz et al., die mahnten,
dass „überlieferte äußere Formen“ nicht „mit dem Wesen und
Inhalt der Stadt“ (Göderitz 1957, S. 10) verwechselt werden dürften.
Schon Hans Paul Bahrdt hatte in diesen Angriffen auf die Stadt eine
„ideologische Funktion [...] im Rahmen eines romantischen
Konservativismus“ (Bahrdt 1961, S. 16) erkannt, der sich nicht so
sehr gegen die realen Zustände der Nachkriegszeit, sondern gegen
die längst obsolete Großstadt der beginnenden Industrialisierung
richtete. Die Problematik der modernen Stadt ist für ihn denn auch
gerade nicht ihre Künstlichkeit und Naturferne, sondern „besteht
darin, daß die Großstadt sich als Großstadt verneint, daß sie
nicht Großstadt sein will“ (ebd. S. 105).
Sich dieser urbanen Selbstverleugnung anzuschließen, lag
den Planern Neuperlachs fern. Sehr nahe lag aber dennoch die
organizistische Idee einer Analogie von Natur, Stadt und
Gesellschaft, die sich bis hinein in die Terminologie des Münchner
Stadtentwicklungsplans von 1963 verfolgen lässt. Hier ist ganz
selbstverständlich vom „Stadtorganismus“ (Landeshauptstadt München
1963, S. 22) die Rede, dessen „organisch entstandene[s] Gefüge“
(ebd. S. 20) mit dem Umland gewahrt werden müsse; und wie bei
Reichow wird eine Parallelität zwischen der Stadt und ihrer
Bewohnerschaft behauptet, wenn diese als „organisch geschlossene
Gemeinschaft“ (ebd. S. 4) bezeichnet wird. Auch die maßgeblichen
Neuperlacher Stadtplaner führten, wenn eigentlich von Straßen und
Wegen zu sprechen gewesen wäre, gern das Vokabular von ‚Ästen‘,
‚Zweigen‘, ‚Fühlern‘ oder ‚Schlagadern‘ im Mund (vgl.
etwa Luther 1966 / Luther 1967a). Aus der einmal geöffneten
Pandorabüchse der ‚organischen Stadt‘ entwichen, neben dem
Wortschatz, letztlich auch zahlreiche städtebauliche Versatzstücke
in die Konzeption Neuperlachs, ohne dass deren Herkunft aus einem
eigentlich stadtfeindlichen Gedankengut jemals reflektiert und als
Widerspruch zum Ideal der Urbanität erkannt worden wäre. Bereits
das radial-polyzentrische Modell des Stadtentwicklungsplans setzt
auf strukturelle Lösungen, die in den organizistischen Leitbildern
gerade nicht als Instrumente einer metropolitischen, sondern einer
‚organischen‘ Stadtgestalt entwickelt worden waren. Die Idee der
gestreuten Bildung von Siedlungskernen etwa entspringt bei Göderitz
et al. dem Bemühen, die städtische Bebauung in „gesunde[...], in
sich geschlossene[...] Einzelkörper[...]“ (Göderitz 1957, S. 90)
zu gliedern, und ist damit im Sinne der organizistischen ‚Entballungs‘-Strategien
ein probates Mittel gegen die Vermassung der Menschen. Für die
Vorstellung einer radialen Stadterweiterung wiederum stand Reichow
Pate, dessen ‚Stadtlandschaft‘ sich, entsprechend der Gliederung
natürlicher Organismen vom Ganzen zur Zelle und der Verästelung
ihrer Kreisläufe von den Arterien bis zu den feinsten Kapillaren,
aus einem Nukleus heraus bandartig entlang der Hauptverkehrslinien
in das Umland hinein entwickeln sollte.
Der Einfluss der organizistischen Stadtentwürfe reicht in
Neuperlach aber weiter. Vor allem die Unterordnung der
Stadtgestaltung unter die stadthygienische Forderung nach „Licht,
Luft und Sonne“ (Reichow 1948, S. 16), die vor dem Hintergrund überfüllter
Mietskasernen der Gründerzeit ihre Berechtigung gehabt haben
mochte, wird in großem Umfang in die Strukturplanung übernommen.
Die besondere Problematik eines überstrapazierten Hygienekults und
seine Verknüpfung mit einem biologistischen Stadt- und
Gesellschaftsmodell, das die körperliche Gesundheit mit einer auch
geistigen Genesung des Einzelnen und der Gemeinschaft in Verbindung
brachte, wurde nicht gesehen. Ganz im Gegenteil war etwa Herbert
Jensen, der Verfasser des Münchner Stadtentwicklungsplans von 1963,
überzeugt davon, dass in der idealen Stadt „die physische Hygiene
ergänzt werden muß durch psychische Hygiene“ (Jensen 1952, S.
382).
Zu den typischen Konzepten eines hygienegeleiteten,
‚organischen‘ Städtebaus, die in Neuperlach mustergültig
umgesetzt wurden, zählt die konsequente Trennung des Fußwege- und
des Straßennetzes. In der ‚Gegliederten und aufgelockerten
Stadt‘ ist sie ebenso vorgesehen wie bei Reichow, der sogar die
dreifache Aufgliederung in Fahrradwege, Fußwege und bürgersteigfreie
Kraftfahrstraßen vorschlägt. Ganz im Sinne einer gesunden
Fortbewegung des Fußgängers (und einer schnellen des Autofahrers)
sind die beiden Verkehrssysteme in Neuperlach weitgehend unabhängig
übereinandergelegt. Im Gegensatz zur Straßenverkehrserschließung,
die mittels eines (nur ansatzweise realisierten) Tangentengürtels
und einer inneren Ringstraße prinzipiell von außen nach innen
erfolgt, ist das Fußwegesystem als von innen nach außen strahlende
Struktur angelegt, die sich von den Hauptwegen aus in Stich- und
Nebenwegen netzartig in die Wohngebiete hinein entwickelt. Diese
Struktur entspricht exakt dem am menschlichen Blutkreislauf
orientierten ‚Verästelungs‘-Prinzip Reichows. Die sehr
unterschiedliche Gestalt der Straßen- und Wegeräume ergibt sich in
Neuperlach aus der Prämisse, die Wohnhäuser, Subzentren und
Gemeinschaftseinrichtungen um die Fußwege zu bündeln und vom
motorisierten Verkehr abzuschirmen. Während man die Fußgänger
durch eine „lebendige und vielfach untergliederte“
(Landeshauptstadt München / Arbeitsgemeinschaft
Stadtentwicklungsplan München 1963, S. 8) Bebauung „in
wechselnder Folge enge und weite Räume“ (Landeshauptstadt München
/ Baureferat 1965, S. 9) erleben lassen wollte, strebte man für die
Straßenerschließung „große[,] flüssige Räume“ (ebd.) an.
Bild und Struktur des öffentlichen Raums tragen in
Neuperlach die negativen Folgen dieser Festlegungen nach „den
Prinzipien der verkehrsgerechten Stadt“ (Luther 1966, S. EB 55).
Vergeblich sucht man hier einen traditionellen städtischen Straßenraum,
in dem sich die urbanen Bewegungsströme überlagern – die des
Autoverkehrs und die der Fußgänger, die zielgerichteten und die
ziellosen, die der Reifen und Füße und die der Blicke, die das
Treiben beobachten. In der verkehrsgetrennten Stadt werden diese Ströme
geteilt und verdünnt, die Lebendigkeit des Nebeneinanders versiegt.
Was gibt es noch zu sehen? Dies gilt für das Fußwegenetz ebenso
wie, noch verstärkt, für die Straßenräume, in denen Passanten
notwendigerweise ausbleiben, wenn alle wichtigen Einrichtungen dem
Wegesystem zugeordnet sind und sich die meisten architektonischen
Bezugspunkte von den Straßen abwenden. Aus Straßen, die nicht für
Fußgänger gedacht sind – nicht zu reden erst von Flaneuren,
spielenden Kindern, alten Menschen – werden monofunktionale
Fortbewegungsschneisen; aus Straßen, an denen die Wegmarken fehlen,
werden gesichtslose Automobilbehälter, die als Orte symbolischer
Identifikation bedeutungslos sind. Und da Straßen und Wege auf ganz
unterschiedlichen Bahnen durch die ‚Entlastungsstadt‘ geführt
werden und völlig verschiedenen Ordnungsschemata gehorchen, erleben
Fußgänger und Autolenker die Stadt nicht aus einer gemeinsamen
Perspektive. Es entwickeln sich zwei eigenständige Stadtbilder, die
miteinander nicht viel zu tun haben: die Art des Verkehrsmittels
entscheidet also nicht nur darüber, wie man sich durch den öffentlichen
Raum bewegt, sondern auch, durch welchen öffentlichen Raum man sich
bewegt.
Gravierende Konsequenzen für das Raumgefüge haben in
Neuperlach schließlich die Prämissen der engmaschigen Durchgrünung
der Wohnbereiche und die Ausrichtung der Gebäude nach den
Erfordernissen einer optimalen Besonnung. Auch diese Ideen haben
ihre Quelle in den Gesundheitsansprüchen der organizistischen
Leitbilder. Ausgehend von der Idee der ‚Stadtlandschaft‘ fordern
sowohl die ‚Organische Stadtbaukunst‘ wie die ‚Gegliederte und
aufgelockerte Stadt‘ „die weitgehende Durchsetzung der Bebauung
mit Grün“ (Reichow 1948, S. 113); und eine „ausreichend
intensive Sonnenbestrahlung aller Wohnungen“ (Göderitz 1957, S.
29) verlangt nach einer Baustruktur, deren Häuser sich wie „das
einzelne Blatt im Laubdach der Bäume“ (Reichow 1948, S. 73) der
Sonne zuwenden – form follows sun. Getreu diesen Überlegungen
forderte schon der Münchner Stadtentwicklungsplan 1963 die
„hygienische[...] Auflockerung der Stadt“ (Landeshauptstadt München
/ Arbeitsgemeinschaft Stadtentwicklungsplan München 1963, S. 20)
durch ein Grünsystem. In Neuperlach wird die Verzahnung von Stadt
und Natur durch die Bindung von „architektonisch kleinmaßstäblichen
linearen Grünzonen“ (Luther 1966, S. EB 54) an das feinverästelte
Fußwegenetz innerhalb der Wohngebiete erreicht. Es ist
bemerkenswert, dass die Tendenz zur Auflockerung der Baumassen durch
ein kleinteiliges Geflecht von Grünräumen in den ersten drei
Bauabschnitten deutlich ansteigt (von einem Grünflächenanteil von
knapp 5% im Abschnitt Nord zu fast 22% im Abschnitt Ost), während
die Bodenversiegelung durch Verkehrs- und Bauflächen rückläufig
ist (der Straßenanteil sinkt von 19% auf 13%, der Wohnbaulandanteil
von über 50% auf 42%). Die Konzeption entfernte sich also zunehmend
von der Vorstellung der ‚steineren Stadt‘ zugunsten der einer
‚Stadtlandschaft‘. Von Anfang an stärkste Beachtung fand in
Neuperlach der organizistische Ruf nach Licht und Sonne. Die für
eine „bestmögliche Besonnung“ (Landeshauptstadt München /
Arbeitsgemeinschaft Stadtentwicklungsplan München 1963,
S. 7) als unbedingt notwendig erachtete Vorgabe einer
„strengen Nord-Süd-/Ost-West-Struktur“ (Landeshauptstadt München
/ Baureferat 1965, S. 4) der Bebauung wurde in allen drei
Abschnitten der ersten Bauphase Neuperlachs exakt durchgehalten.
Besonders im Viertel Nord geht der Vorrang der Sonnenlage gegenüber
gestalterischen Gesichtspunkten erheblich zu Lasten einer
lebendigeren Raumstruktur und führt etwa in der massiven Bebauung
entlang der Ständlerstraße zu einem hunderte Meter langen
monotonen Prospekt kaum gegliederter 9stöckiger Wohnzeilen mit
schier endlos fortlaufenden horizontalen Balkonbändern.
Für das
Bild des öffentlichen Raums bedeutet die Orientierung an den
Konzepten der Durchgrünung und der Besonnung nichts weniger als den
radikalen Bruch mit einem über Jahrhunderte gewachsenen urbanen
Formen- und Strukturenkanon. Die geschlossene Gestalt der
‚steinernen Stadt‘ löst sich auf in einen offenen Raum, in dem
die Strukturierung der Bebauung nicht mehr der Prämisse folgt, städtische
Plätze, Straßen oder Wege zu schaffen, sondern der Forderung nach
gesundem Wohnen gehorcht. Eine Einfassung des öffentlichen Raums
durch umschließende Gebäude kommt, wenn überhaupt, nur mehr zufällig
zustande. Der Regelfall sind städtebauliche Situationen, in denen
senkrecht an die Wege stoßende Wohnzeilen den kohärenten Raum
aufreißen und ausfransen lassen. Am drastischsten lässt sich die
vollständige Sprengung des baulichen Kontinuums an den Straßen
Neuperlachs beobachten, in denen die zu den Fußwegen orientierte
Bebauung in einen konturlosen, amorphen Un-Raum wahllos verstreuter
Baumassen zersplittert. Die problematische Verbindung einer Absage
an die horizontal verdichtete, zusammenhängende Stadt, die noch den
alten Hygienevorstellungen des Organizismus geschuldet ist, mit dem
neuen Ideal der ‚Urbanität‘, das nach einem städtischen Maß
an Bevölkerungskonzentration verlangte, führt schließlich zu
einer gestalterischen Zwangslage, der man in Neuperlach durch die
vertikale Verdichtung der Stadt zu entkommen sucht. Indes: Je höher
man baute, desto weiter mussten umgekehrt die Räume zwischen den
Gebäuden werden, die mit Grünanlagen und Parkplätzen nur notdürftig
zu füllen waren. Der so entstehende öffentliche Raum ist hier also
weniger Gegenstand einer bewussten Formung, als vielmehr
Ausschussprodukt einer Baumassenverteilung, die nicht ästhetischen
oder morphologischen, sondern hygienischen Gesetzen gehorcht – Städtebau
reduziert sich auf Wohnungsbau.
Neuperlach, offene Stadt
Dieses hygienegeleitete Desinteresse an der raumbildenden
Kraft der Architektur ist der entscheidende Faktor für die
Entstehung der vollständig offenen Bauweise, wie sie in Neuperlach
durchgehend angewandt wurde. Dabei steht die ‚Entlastungsstadt‘
– sowohl zeitlich als auch formal – am vorläufigen Ende eines
städtebaulichen Wandlungsprozesses vom traditionellen, durch Gebäudeeinfassungen
definierten Stadtraum zum fließenden, die Bebauung umspülenden
offenen Raum. Am Anfang dieses Weges stand zu Beginn des 20.
Jahrhunderts der humanistische Impetus, für bessere gesundheitliche
Verhältnisse in den Massenquartieren der Großstädte zu sorgen. Während
das Modell der ‚Wiener Höfe‘ die zu dunklen Wohnfabriken
pervertierten Baublocks der Gründerzeit zwar entkernte, das überkommene
Straßenbild aber unangetastet ließ (vgl. in München die Borstei,
1924-1930), war der vom Funktionalismus ausgehende Ansatz radikaler,
löste den geschlossenen Block zur langgestreckten Zeile auf und
ersetzte schließlich die Korridorbebauung durch ein Raster
senkrecht zur Straße stehender Baukörper (vgl. in München Theodor
Fischers ‚Alte Heide‘, 1917). Nach 1945 gehörte das Konzept des
offenen Raums dann zum festen Kanon des organischen Städtebaus, für
den es als die konsequenteste Form der kleinteiligen Durchgrünung
das Ideal der ‚Stadtlandschaft‘ bestätigte und vollendete.
Entsprechend beschreibt Reichow in der ‚Organischen
Stadtbaukunst‘ seine Vision: „Statt geschlossenen Räumen und
Raumfolgen begegnen wir in der organischen Stadtlandschaft in
zunehmendem Maße ‚offenen Räumen‘ mit sinnfälligen Bindungen
und Bezügen zu den oft einzeln und plastisch in Erscheinung
tretenden Werken der Baukunst“ (Reichow 1948, S. 154). In den
1950er-Jahren versuchte man zunehmend, durch Höhendifferenzierung
und Ensemblebildung dem Raumprofil Spannung zu verleihen. Höhepunkt
und Endpunkt dieser städtebaulichen Phase ist in den 1960er-Jahren
die Dynamisierung des öffentlichen Raums, der nun auch motorisch
erlebbar sein sollte.
Eine derartige Entwicklung lässt sich in Neuperlach in
nuce verfolgen. Im ersten Bauabschnitt (Nord) entstehen durch die
Gruppierung mehrerer Baukörper Raumsituationen, in denen die Gebäude
die Kanten markieren und zwischen sich die unsichtbaren Wände nur
mehr gedachter Raumgrenzen aufspannen. Im Viertel Nordost sind
zunehmend Höhenstaffelungen und eine skulpturale Behandlung der
Bebauung durch Vor- und Rücksprünge, Balkonfurchen, auskragende
Betonbrüstungen, extern gestellte Treppenhäuser oder zinnenartig
über die Dachkante verlängerte Aufzugschächte zu beobachten. Im
Abschnitt Ost ist das Konzept des fließenden Raums dann
perfektioniert. Das hier immer wiederkehrende Motiv des Öffnens und
Schließens der Bauzwischenräume, des Aufspreizens und wieder
Einschneidens ist als Taktgeber gedacht – Beschleunigung,
Verlangsamung, Beschleunigung. Dieser Rhythmus soll der Motor für
den Passanten sein, der nur im Gehen, noch besser wohl im
Laufschritt den Wechsel von Enge und Weite erfassen kann. Das Ziel
dieser Gestaltung ist nicht die Schaffung in sich ruhender,
abgeschlossener Plätze und Wegabschnitte, sondern das kinästhetische
Erlebnis von ineinander übergehenden und überleitenden
Raumsequenzen. Ganz im Sinne der mobilen, ‚autogerechten Stadt‘
entstehen also selbst im Fußwegenetz des Viertels keine Orte des
Aufenthalts, sondern Durchgangsräume für eine zielgerichtete
Bewegung.
Das Prinzip
des offenen Raums, angeboten als humane Alternative zur
Lebensfeindlichkeit der modernen Großstadt, entpuppt sich – in
Neuperlach wie anderswo – als Gegenmodell zur Stadt an sich, das
mit der Aufgabe überlieferter städtischer Strukturen und Formen
die Signaturen des Urbanen im öffentlichen Raum zerstört und das
neu Entstehende als ‚Stadt‘ unlesbar macht. Die
konsequente Anwendung der offenen Bauweise verwischt aber nicht nur
die tradierten räumlichen Konturen der Stadt, sondern auch die
Konturen zwischen öffentlicher und privater Sphäre, deren Polarität
für das städtische Leben konstitutiv ist. Einerseits dehnen die
großzügige Bemessung und die Durchlässigkeit der fließenden
Freiflächen den öffentlichen Raum erheblich aus; eindeutig
definierte Übergangszonen (wie Höfe und Einfahrten) existieren
genausowenig wie Differenzierungen verschiedener Ebenen des Öffentlichen;
ob Haupt-, Neben- oder Anwohnerweg, Grünanlage vor dem Haus oder
Spielplatz hinter dem Haus, Wohn- oder Einkaufsbereich, alles ist
prinzipiell gleich öffentlich. Andererseits überfordert dieser überdimensionierte
öffentliche Raum permanent das Potential der tatsächlich
vorhandenen Öffentlichkeit. Er erzeugt und enttäuscht Erwartungen
nach einem dieser Größe angemessenen Inhalt, den das Viertel nicht
generieren kann, nach einer Lebendigkeit, die in der Weite des Raums
sich verliert, in der Anreizarmut des Abstandsgrüns versickert und
auch durch Pergolen, Sitzgruppen und anderes
Kommunikationserzwingungsmobiliar weder zu beschaffen noch zu halten
ist. Statt also öffentliches Leben in einem klar markierten öffentlichen
Raum zu kanalisieren, wird es als ohnehin dünner Aufguss in eine
durchsiebte, perforierte Raumstruktur gegossen. Indem der öffentliche
(aber eben nicht: urbane) Raum in alle Fugen des Quartiers
eindringt, beseitigt er gleichzeitig die halbprivaten Rückzugsmöglichkeiten,
die das differenziertere Gefüge einer geschlossenen Raumgestalt
bieten könnte. Die Antwort der Bewohner auf die totale, aber
inhaltsleere Öffentlichkeit ist im besten Fall der Ruf nach
Re-Urbanisierung; im schlimmsten Fall aber der Umschlag von der
Wertschätzung für das Öffentliche zum Kult des Privaten, den
Richard Sennett treffend als „Tyrannei der Intimität“ (Sennett
1974) bezeichnet hat.
Postscriptum
„Wir leben in einer Stadt der Gegenwart [...]“, sagt
Vittorio Lampugnani in einem Zeitungsgespräch, „umgeben von
Dingen, die unwirtlich sind. Davon müssen wir uns befreien: Das ist
meine Vision, meine Hoffnung.“ – „Oder ist dies eine
Utopie?“, wird er gefragt. „Es ist ein Ort, den es nicht gibt.
Noch nicht.“ – „Wann wird er kommen?“ – „Wenn wir diesen
Ort haben wollten, könnten wir ihn bauen“ (Lampugnani 2003). In
Neuperlach wollte man diesen Ort haben; bauen konnte man ihn nicht.
Die guten Ansätze und Vorsätze einer neuentdeckten Wertschätzung
für die Stadt waren hier mit der bloßen Vorgabe der
‚Verdichtung‘ noch zu schwach und zu ungenau formuliert, als
dass sie auf den Reißbrettern gegen das vorhandene Instrumentarium
organizistischer Lösungen hätten bestehen können. Was dem vagen
Gedanken der Urbanität an konkretem Vokabular fehlte, boten diese
Programme umso eloquenter an. Warum sollte Neuperlach eine andere
als die alte Sprache sprechen? So wusste man die Sehnsucht nach der
Stadt nicht besser in Architektur umzumünzen als durch den Rückgriff
auf Leitbilder, die doch gerade aus der Opposition zur Stadt
entwickelt worden waren. Die Mittel arbeiteten gegen die Vision.
Was von
Neuperlach bleibt? Sicherlich ein Zuhause, vielleicht eine Heimat für
viele tausend Einwohner, die ihrem Stadtteil – wie es schon
Alexander Mitscherlich gehofft hatte – über das Planbare,
Berechenbare hinaus längst „ein nicht planbares ‚Herz‘“(Mitscherlich
1970) gegeben haben. Bleiben wird freilich auch – nicht für die
Ewigkeit zwar, aber auf lange Zeit – die feste Substanz
Neuperlachs, in die überlebte Ideologien sich dauerhaft
eingeschrieben haben, den Bewohnern so fremd wie vielleicht auch das
Viertel, in dem sie wohnen. Nach einer sehr fernen Zukunft klingt da
der Wunsch, den die Erbauer einst dem Zentrum ihres Werkes mitgaben,
der aber für die ganze Stadt am Stadtrand gelten durfte: dass sie
„erst abgebrochen werde, wenn ihre Zeit zu Ende ist und sie
besseren und schöneren Bauwerken weichen muß“ (Urkunde zur
Grundsteinlegung des Wohnrings, 1974). Möglicherweise wird eines
Tages tatsächlich eine Stadt an jener Stelle stehen, wo heute nur
der Versuch zu erkennen ist. Solange aber bleibt das Urbane hier
Utopie, Utopie im Wortsinn des griechischen ou-topos: ein Ort, den
es nicht gibt. Noch nicht.
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 PDF-Version
des Textes:


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