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Wer jetzt kein Haus hat
Annäherung an eine Münchner Bahnhofspension und die Geschichten ihrer besonderen Gäste

 

Leo ist betrunken und wütend. „Immer lauter Ausländer! Wie lang bleibt der denn wieder?“ – „Bist doch selbst der Oberpole! Wennst nicht ruhig bist, kannst morgen Deine Blumen packen und ausziehen!“ Wir sitzen in einer kleinen Kammer hinter der Rezeption der „Pension Toni“ und trinken Kaffee. „An manchen Tagen braucht man schon starke Nerven“, sagt Jürgen Scherübl, der Pächter. „Die ganze Zeit mit den Besoffenen.“ Alle trinken hier, und manche sind schon nicht mehr nüchtern, wenn Scherübl morgens um halb sechs mit der Arbeit beginnt. Von den 59 Betten der Pension sind zwei Drittel fest an das Sozialamt vermietet, das hier diejenigen einquartiert, die in der Obdachlosenunterkunft an der Pilgersheimer Straße keine Bleibe mehr gefunden haben. Dementsprechend ist das Publikum. „Bei manchen kann man richtig zusehen, wie sie verfallen“, sagt Scherübl. Wie die Bäuche dicker, die Beine dünner und die Köpfe leerer werden.

Das kleine Reich des Herrn Scherübel beginnt im zweiten Stock. Im Parterre sucht ein schummeriges Etablissement namens „Schwarzwaldmädel“ nach weiblichen Mitarbeitern, und vor dem Haus reihen sich zum Hauptbahnhof hin Sexshops, Spielsalons, Wettbüros und Waffenhändler aneinander. Wie Aussätzige zwischen dem Nachkriegsgrau gesichtsloser Betonfassaden drängen sich drei rußige Jahrhundertwende-Gebäude, eines unbewohnt mit blinden Fensterscheiben, das letzte schmutzig-grün, dreistöckig, mit einem Erker und dem Neon-Schriftzug: „Pension“.

Zimmer mit Aussicht

Daß er sich eine goldene Nase verdient mit seinem Geschäft, glauben manche von Jürgen Scherübl. „Blödsinn“, sagt er. „Ich bin kein Ausbeuter, und Millionär kann man hiermit bestimmt nicht werden.“ Der Mann aus der Steiermark, der mit uns am Tisch sitzt, prustet sein Bier quer über die Decke, hustet, spuckt in die hohle Hand, Flüssiges rinnt ihm aus den Mundwinkeln - so belustigt ihn die Vorstellung, mit diesem Laden das große Geld zu machen. „Schreib lieber“, sagt er, „schreib lieber, der ist die Mutter Teresa von der Goethestraße.“ 25 Mark pro Bett und Tag zahlt das Sozialamt, dem stehen 25.000 Mark monatliche Pacht gegenüber, dazu die Ausgaben für sämtliche Reparaturen. „Letzte Woche haben die mir zwei Waschbecken runtergerissen, und im Stockwerk darunter hats dann geregnet“, erzählt Scherübl. Das zahlt er alles selber - bei seinen Gästen ist ja nichts zu holen. Im Gegenteil, für die ist der Chef gleichzeitig auch Kreditinstitut, wenn wieder einmal das nötige Kleingeld fehlt, um in Alkohol zu investieren.

Draußen auf den Fluren hängen Katzenposter, Kalenderblätter, Gebirgslandschaften, weiter oben Ansichten von Venedig. Von den rückwärtigen Fenstern geht der Blick auf einen grauen Hof, auf Mülltonnen, verrottende Möbel, rostige Fahrräder. Und auf ein großes Stück Himmel, seit schräg gegenüber eines der morschen Häuser abgerissen wurde. Vorne hinaus aber, zur Straße hin, sind es nur ein paar Schritte, und die Stadt ist ein Bazar, in dessen Auslagen sich persische Teppiche stapeln, türkische Vasen und Golduhren mit grellen Mekka-Hologrammen. Männer mit schwarzen Schnurrbärten stehen da, lachend, gestikulierend. Im Reisebüro tanzen Porzellan-Derwische vor einer Moschee, und an den Gemüseläden, Kebapständen und Lebensmittelgeschäften liegen unbekannte Gerüche in der Luft, wie von weither in die herbstlichen Straßen des Bahnhofsviertels geweht.                  

Seit sechs Jahren ist Jürgen Scherübl hier, sechs Jahre putzen, weißeln, reparieren, waschen, aufräumen, Bier verkaufen und den Psychiater spielen für vierzig Sozialfälle. Vorher war er zwanzig Jahre lang Lagerleiter eines Wurstgroßhandels, bis seine Filiale geschlossen wurde und er auf der Straße stand. Er ging putzen, arbeitete als Nachtportier im „Toni“, und als der alte Pächter aufhörte, übernahm er das Haus. „Ich hab 100 Mark in die Kasse gelegt und angefangen.“ Ein Jahr noch will er weitermachen, dann ist er sechzig. „Wenn ich hier aufhöre, kann ich Pfleger werden in Haar“, sagt Scherübl. „Nein“, meint ein anderer, „Patient.“

Schlechte Zeit für Klassik

Mahler hört hier niemand. „Symphonie Nr. 1 – Der Titan“, ein kleines Rätsel, wie die Schallplatte in den verqualmten Aufenthaltsraum gekommen ist. Heute hat einer Bier spendiert, die Stimmung ist gehoben. Zehn Männer sitzen da, spielen Karten, rauchen, reden. Viele Gesichter sind alt, älter vielleicht als die Menschen, zu denen sie gehören. Günthers Gesicht ist noch jung. „Ein netter Kerl, wenn er nüchtern ist“, sagt Scherübl, „aber wenn er was trinkt, wird er ungemütlich.“ Getrunken hatte er auch, als er letztens mit dem Wagen unterwegs war und in eine Polizeikontrolle geriet. Ohne Führerschein, der war ihm früher schon abgenommen worden. Für vier Monate muß er dafür demnächst ins Gefängnis, und er läßt sich von den anderen erzählen, was ihn dort erwartet.

Fast jeder hat etwas beizutragen. „Auf einmal Lebenslänglich kommt man schon, wenn man hier alle zusammenzählt“, meint Günther. Als unten eine Polizeistreife entlangfährt, horchen alle der Sirene nach. „Fährt vorbei“, sagt einer, und die Gespräche gehen weiter. Ob er denn einen Kassettenrecorder mitnehmen darf in den Knast? Oder einen Schinken? Nein, Schinken lieber nicht, höchstens aufgeschnitten, „weil die das alles durchsuchen, nach Waffen und so.“

Vor zwei, drei Jahren, erzählt Günther, hat schon einmal einer von der Zeitung in der Pension recherchiert. Alle hier haben den Artikel später gelesen, ihr Leben haben sie darin, schwarz auf weiß abgedruckt, nicht wiedererkannt. „Der ist nur rumgesessen, hat nichts gesehen und überhaupt nicht mitgekriegt, was läuft“, sagt Günther. Und dann führt er mich durch das Haus, von Zimmer zu Zimmer, „damit Du mal siehst, wie´s hier wirklich abgeht.“

Im freien Fall

Erste Station ist Alex. Mitte zwanzig könnte er sein, schätze ich. Sein Zimmer, vielleicht fünfzehn Quadratmeter groß, teilt er sich mit zwei Mitbewohnern. Jetzt ist er allein. Sitzt auf seinem Bett und schneidet sich das Cannabis für die selbstgebastelte Wasserpfeife. Als wir eintreten, blickt er kurz auf. Wenn er spricht, kommen die Worte langsam. Bei ihm könne man alles bekommen, Hasch, Heroin, und ob ich vielleicht auch etwas rauchen möchte. Nebenan, sagt Alex, wohnt einer, der seit fünf Jahren an der Nadel hängt. Jetzt ist er 18. Einmal sei er im Drogenrausch aus seinem Zimmer im ersten Stock hinuntergesprungen in den Hof. „Der dachte, er kann fliegen.“ Konnte er aber nicht. Stattdessen fiel er auf einen Stoß spitzer Holzbretter, „der hat Glück gehabt, daß er nicht kastriert worden ist.“ Alex stopft die Krümel in die umgebaute Weinflasche. „In Amsterdam kannst du überall ganz legal was rauchen, so wie man hier ein Bier trinken geht.“ Er zieht an seiner Pfeife, das Gras glimmt auf, es gluckst und gurgelt.

Die nächste Tür wird nur kurz geöffnet. Drei Männer in Unterwäsche sitzen auf ihren Betten, am Tisch, mit dem Rücken zu uns, eine Frau mit langen, dunklen Haaren. „War früher mal Ballett-Tänzerin. München, Stuttgart.“ Ich erinnere mich, was Herr Scherübl zu Frauen in seiner Pension gesagt hat: Daß er keine mehr aufnimmt, „weil die nur Unruhe ins Haus bringen“. Einmal hatten sie eine, die nur „der Wanderpokal“ genannt wurde. Ich frage nicht weiter nach.

„In dem Zimmer halt lieber Deine Bierflasche zu“, sagt Günther, als wir vor der dritten Türe stehen. „Keiner weiß genau, was da alles so rumfliegt.“ Drinnen hocken ein bärtiger Rothaariger und ein Kleiner mit kurzen Stoppeln auf dem Kopf. „Der hatte Krebs, jetzt wachsen die Haare langsam wieder.“ Sein Zimmer wurde schon mehrmals von der Polizei gefilzt, „die kamen hier früher öfter als der Briefträger.“ Nazi-Propaganda haben die Beamten beschlagnahmt, jetzt sind die beiden vorsichtiger. Der Kleine kramt in seinem Schrank nach Artikeln, die er in der rechten „National-Zeitung“ veröffentlicht hat. Daß in der DDR nicht alles schlecht gewesen sei, steht da zum Beispiel, und daß dort die Juden nicht so hofiert wurden wie in Westdeutschland. Der Rothaarige hebt seinen Arm und streckt ihn nach vorn. Mit den Skinheads, die Brandbomben in Asylbewerberheime werfen, wollen sie aber nichts zu schaffen haben. „Obwohl ich im Moment auch so aussehe, aber da kann ich ja nichts dafür“, sagt der Kleine und zerdrückt ein Tier, das am Schrank entlangkrabbelt.

Vor verschlossenen Türen

Später am Abend sitze ich mit Günther und Horst in einer der türkischen Imbißbuden um die Ecke. Horst lebt seit gut zehn Jahren in der „Pension Toni“ und war schon ein älterer Herr, als er einzog. Früher, aber das ist lange her, hat er Medizin studiert, mehrere Sprachen gelernt. Dann war er Reisebegleiter, Chauffeur bei den Olympischen Spielen, ein Jahr Entwicklungshelfer in Afrika. Als Mitte der Achtziger das Tourismusgeschäft stagnierte, kam die Agentur, an der er beteiligt war, ins Trudeln und ging schließlich bankrott – und Horst war plötzlich arbeitslos. Der Rest seiner Biographie gleicht den Lebensgeschichten der meisten anderen. Es ist die Geschichte des Gestrauchelten, der nicht die Kraft oder nicht den Willen hat, wieder aufzustehen. Und sie ist doch ein wenig anders, weil Horst sich dem schleichenden Verfall widersetzt. Weil man merkt, daß er seinen wachen Geist nicht mit Alkohol zuschüttet. Weil seine Augen blitzen, wenn er von seinen Reisen erzählt, von London, Florenz, Paris. Wir reden über die französische Küche, Katharina von Medici, den Montmartre. Und dann schließt er die Augen und zitiert Heine, die Verse, die man dem Dichter auf den Grabstein geschrieben hat und von denen er damals sehr beeindruckt gewesen sein muß: „Wo wird einst des Wandermüden letzte Ruhestätte sein?“ Ein Dutzend Zeilen lang, fehlerlos, und bewegend, hier, wo man alles andere erwartet hätte, Geschichten über geplatzte Träume, zerbrochene Ehen, gescheiterte Hoffnungen – aber nicht Heinrich Heine. Er, ja, er vielleicht könnte Mahler hören.

„Und als Totenlampen schweben nachts die Sterne über mir.“ Ich trete hinaus auf die Straße. Die Stadt hat sich ihr buntes Neon-Gesicht aufgesetzt. Aus dem „Schwarzwaldmädel“ schimmert gedämpftes Rotlicht. Herren in Anzug und Krawatte verlassen eilig eine Erotikshow und verschwinden im U-Bahn-Abgang. Auf dem Gehsteig hockt ein Mann ohne Füße und bettelt. Und im Waschsalon sitzen Menschen aufgereiht im sterilen Licht des Schaufensters vor den Maschinen und starren in die rotierenden Trommeln. Ich denke an die Pension, wo morgen das immer gleiche Leben weitergehen wird. Ein Leben, das nicht meines ist, das weit weg ist von mir und fremd. Ich habe an eine Tür geklopft, aber bin nicht eingetreten.


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