Die Subversion
frißt ihre Kinder. Notizen beim Spaziergang durch die Stadt
der Zeichen
Englisch
in: Stickers #2, Die Gestalten Verlag, Berlin 2009
//
Laugh now, but one day we'll be in charge. // (Banksy)
1
Street Artists scheinen an die
Revolution zu glauben. Kaum eine Publikation jedenfalls, die sich
der basisästhetischen Bebilderung des Stadtraums annimmt, kommt
ohne die Mobilmachung ihres Wortschatzes aus: Rebellion! Subversion!
Ziviler Ungehorsam! Widerstand! Guerilla! schreit es von allen Ecken
und Enden. Brennen die Barrikaden schon? Sieht man bereits den
Strand unter dem Pflaster? Nun, nicht ganz. Vorerst begnügt man
sich damit, bunte Aufkleber an Straßenlaternen zu heften. Aber
wartet nur...
Mein Vater glaubt übrigens auch an
die Revolution. Irgendwo weit links in der Brust des pensionierten
Oberamtsrates schlägt ein Revoluzzerherz, das ihn bisweilen
drollige Sachen sagen läßt: daß es Zeit sei (zum Beispiel), die
Großkopferten endlich an den Laternenmasten aufzuknüpfen. mein
vater glaubt allerdings auch an das revolutionäre potential seiner
privatorthographie, deren hauptmerkmal in der konsequenten
substantivkleinschreibung besteht. Die über Lichtzeichenanlagen und
Beleuchtungseinrichtungen der Stadt hinwegwuchernden
Stickersedimentationen hingegen gelten ihm als handfeste Beweise
eines rapide um sich greifenden Vandalismus.
Mithin ist, wie man sieht, weder
über den Begriff der Revolution noch über die angemessene
Verwendung von Laternenmasten so leicht Einvernehmen herzustellen.
2
Daß man sich auf nichts mehr
einigen kann, ist eine Signatur der Gegenwart. Man mag das
Pluralisierung nennen, mag sich an der anregenden Vielgestaltigkeit
der Gesellschaft freuen oder ihre verwirrende Unübersichtlichkeit
bedauern. Vor allem aber ist ein Gewinn an Freiheit zu verbuchen,
einer Freiheit, der auch die Straßenkunst ihre Existenz verdankt:
man darf abweichen, widersprechen, sich an etwas reiben. Und man
darf sogar auf Verständnis hoffen für manche nichtlegale Form,
diese Differenz zu artikulieren - wenigstens bei jenem Teil des
Publikums, der darin seine eigene (tatsächliche oder gewünschte)
Differenz zum Normalen, Alltäglichen, Konventionellen abgebildet
und gerechtfertigt glaubt. Wer indes Sinn aus dem eigenen Anderssein
zieht, braucht nicht darüber zu klagen, daß auch die andern anders
sind; daß zwar die alten Konsensbegriffe noch bestehen, sich hinter
ihrer Fassade aber das, was sie einmal bezeichnen und zusammenhalten
sollten, in einzelne Fragmente aufgelöst hat. Gesellschaft, Moral,
Wahrheit, Wirklichkeit, das ganze Arsenal an ehemaligen
Unteilbarkeiten ist unter den Fliehkräften der Moderne längst zu
disparaten Milieus und Funktionssphären, widerstreitenden
Interessen und Weltsichten, moralischen Zwiespälten und doppelten
Wahrheiten zerfasert, die mit dem seidenen Faden einer
Einheitsterminologie mehr schlecht als recht vernäht sind. Trotzdem
gibt es ein Unbehagen an dieser Zersplitterung, gibt es den Wunsch
nach einheitsstiftenden Momenten, nach einer Verbindung des
Auseinanderfallenden, nach einem archimedischen Punkt, von dem aus
diese zerteilte Welt noch einmal als Ganzes und Heiles faßbar
würde. Die Ahnung, daß ein solcher Ort Utopie, Nichtort bleiben
muß, hindert nicht, ihn im Konkreten zu suchen; im öffentlichen
Raum unserer Städte meint man ihn zu finden.
Denn darum drehen sich im Kern alle
Totengesänge und Wiederauferstehungsvisionen, die den urbanen
Freiraum beschwören: daß hier ein Platz sei, gewesen sei oder doch
sein müsse, an dem die Gesellschaft sich wie vor einem Spiegel
selbst ins Gesicht sehen könne. Ja, besser noch: ein Platz, an dem
sie sich in idealisierter Weise als Miteinander aller ihrer
heterogenen Elemente erfahren lasse. Eine solcherart
harmonietrunkene Konzeption des öffentlichen Raums allerdings ist
nicht nur naiv, sondern auch gefährlich totalitär, weil sie als
Medizin gegen gesellschaftliche Verwerfungen den Traum einer
abweichungsfreien, von Widersprüchen gereinigten sozialen
Benutzeroberfläche anbietet. Etwas nüchterner, wenngleich nicht
ohne blauäugigen Optimismus, ist da die Hoffnung, die öffentliche
Sphäre möge wenigstens ein ehrliches Abbild dieser Verwerfungen
bieten: ein Kaleidoskop, in dem das Verschiedene zwar nur
nebeneinandergestellt erscheint, aber doch gemeinsam sichtbar ist,
in dem die Zumutung des Anderen nicht beseitigt, sondern ausgehalten
wird, in dem die Konflikte nicht versteckt sind, aber gerade durch
ihre Evidenz lösbar bleiben. Die Idee eines öffentlichen Raums
jedoch, der das Versprengte an einer Stelle versammelt und vor Augen
führt, setzt voraus, daß tatsächlich alle Zutritt zu dieser
Bühne haben. Nichts dürfte unterschlagen werden, nicht das Schöne
und nicht das Schäbige, nicht das Laute oder das Leise, das
Wohlgelittene und das Unleidliche. Was aber, wenn selbst die
Minimalforderung einer gleichzeitigen Anwesenheit des
Unterschiedlichen Illusion ist? Wenn in der Wirklichkeit der
auseinanderdriftenden Stadt keineswegs die Gesellschaft sich selbst
begegnet, nicht Anderes auf Anderes, sondern nur Gleiches auf
Gleiches trifft, weil der öffentliche Raum längst in
Funktionszonen zerschnitten und in soziale Monokulturen separiert
ist, weil das Nichtvorzeigbare, Störende an den Rand gedrängt wird
und sich selbst überlassen bleibt?
Architektur und Raumgestaltung sind
zeichenhafte Repräsentationen von Macht- und
Ohnmachtverhältnissen, Abdrücke sozialer Strukturen, Ordnungen,
Normen, die sich den Insassen der symbolisch überformten Stadt
hochwirksam, aber kaum je bewußt als wahrgenommene und deshalb für
wahr genommene Realität einbrennen. Was nicht repräsentiert ist,
kommt in dieser Realität nicht vor. Wenn also Graffitizeichner,
Schablonensprüher, Stickerbefestiger, Cut-out-Kleber,
Open-Air-Skulpturen-Installateure, Guerillagärtner,
Werbungszerfetzer, Plakatbemaler und andere Straßenartisten von der
Mission getrieben sind, sich in den Ritzen der Stadt einzunisten und
gegen die blinden Flecken der Wahrnehmung dissidente
Aufmerksamkeitsnischen im öffentlichen Raum zurückzuerobern - dann
könnten ihre Hinterlassenschaften als Stellvertreter stehen für
alles das, was als urbane Ausschußware ausgesondert wird. Sie
könnten vermuten lassen, daß es ein Leben jenseits des
funktionalen Getriebes gibt, jenseits der architektonischen Kosmetik
und der ökonomischen Zurichtung der urbanen Sphäre. Die Produkte
der Street Art würden so selbst zu Zeichen: zu Hinweisen auf
Abwesendes, oder genauer: auf die Abwesenheit des Abwesenden.
Sie wären, wenn man so möchte,
abstrakte Zeichen in Reinform: Platzhalter nämlich für das im
öffentlichen Raum Unsichtbargemachte schlechthin.
3
Jede Stadt ist ein Buch. Wie über
die Zeilen eines Textes läuft unser Blick oder laufen unsere
Füße. Die Häuser und Mauern der Stadt, ihre Straßen und Plätze,
die weiten Flächen, die versteckten Hinterhöfe, das Ornament aus
Laternen, Litfaßsäulen, Verkehrszeichen, Neonwerbungen: alles das
sind Buchstaben, Wörter, Sätze, die gelesen werden wollen.
Ausrufezeichen sind darunter wie die Glaspaläste der Banken und
Versicherungsunternehmen, die den Kirchen und Rathäusern von einst
den Rang abgelaufen haben. Fragezeichen mischen sich dazu: eine
Baugrube, eine Brachfläche, die Wohnbatterien der Satellitenstädte
- was ist früher hier gewesen, wo geht es weiter, wo geht es
hinaus? Dazwischen Gedankenstriche - eine Bank im Park,
Abstandsgrün, eine Brücke von hier nach dort. Vorwärts,
rückwärts, seitwärts stottert man an Hauptsätzen und
Nebensätzen entlang, stolpert über Auslassungen und Einschübe.
Man protokolliert die lakonische Mitteilung einer roten Ampel oder
das Quengeln der Reklametafeln, das schroffe Nein eines Zauns ebenso
wie die freundliche Aufforderung der Shopping-Malls (die, weil die
sanfte Gewalt ihres glitzernden, blitzsauberen, blankpolierten
Innern ohnehin das Unerwünschte fernhält, auf Zäune verzichten
können). Sich in der Stadt zu bewegen, heißt: Teil einer
Geschichte zu sein, die zusammengesetzt ist aus einer Unzahl von
Zeichen; aus Medien einer sozialen Wirklichkeit, die, je nach der
kritischen Distanz des Lesers, hinter ihrer symbolischen Kopie offen
zutagetritt oder unentzifferbar verborgen bleibt. Doch wer erzählt
die Geschichte? Und wie wären unsere eigenen Geschichten dem Text
der Stadt einzuschreiben, die unbedeutenden, nur für uns
bedeutsamen Episoden, die kleinen privaten Abenteuer?
Wir müssen uns in dieser Stadt der
Zeichen einrichten, um sie bewohnbar zu machen. Alltäglich suchen
wir den Raum uns anzuverwandeln, indem wir ihn nach unseren
Bedürfnissen nutzen (oder ihm ausweichen), ihn mit subjektiven
Erinnerungen bekleiden (oder vergessen), seine Symbole als wichtig
wahrnehmen (oder als unwichtig ignorieren). Vielleicht gelingt es
uns sogar, Stellen zu entdecken, an denen das Fertigfabrikat des
städtischen Designs sich austricksen läßt: der Trampelpfad, den
man abseits des Weges zieht, das Skateboard, das über
Treppengeländer und Betonrampen gleitet. Einer solchen
Personalisierung der urbanen Zeichenwelt freilich sind durch rigide
Funktionsdefinitionen und die faktische Zweckhaftigkeit der gebauten
Umwelt enge Grenzen gesteckt. Ist die alternative Deutung schon
existenter Zeichen noch im Grundsatz möglich, scheitert die
alternative Herstellung neuer Zeichen durchweg an administrativen,
rechtlichen, nicht zuletzt an finanziellen Barrieren. So bleibt auch
der Street Art nur, nach den Haarrissen im symbolisch versiegelten
Panzer der Stadt zu fahnden, sich in den Fußnoten und zwischen den
Zeilen des urbanen Textes anzusiedeln. Ihre
Selbstermächtigungsstrategie ist deshalb parasitär: wenn das
Potential einer eigenen Zeichenproduktion limitiert ist, kann man
immer noch die Waffenlager des Gegners plündern. Mit eben jener »zersplitterte[n],
taktische[n] und bastelnde[n] Kreativität«,
die Michel de Certaus Kunst des Handelns allen kritischen
Konsumenten anempfiehlt, wildert die Straßenkunst im Fundus der
ohnehin vorhandenen Medien: den Hausfassaden, Brandmauern,
Trafokästen, Telefonzellen, Mülleimern, Werbeschildern,
Verkehrsmöbeln. Sie versteht sich als blinder Passagier, der die
kommerzialisierte und funktionalisierte Stadtoberfläche dreist für
seine semiotische Trittbrettfahrerei gebraucht, der mit der »Findigkeit
des Schwachen, Nutzen aus dem Starken zu ziehen«
(de Certau), überall im Bedeutungsdickicht der Stadt jene Lücken
wittert, durch die sich unorthodoxe, verfremdende, unvorhergesehene
Lesarten des Sozialen einschleusen lassen. Und nicht ohne
Schadenfreude vermerken die ungebetenen Gäste, daß ihr geleimter
Wirt die Zeche für seine eigene Subversion zu zahlen hat. Das
Versprechen dieser Sabotage ist eine Schule des Sehens: eine
Anstiftung zum selbstbestimmten Umgang mit dem Raum und seinen
Codes, ein Warten auf Augenblicke, in denen hinter der
Disziplinierungskraft vermeintlicher Notwendigkeiten eine andere
Wirklichkeit als etwas Mögliches aufblitzt.
Ist das schon die Revolution?
Vielleicht sollte man eher von Romantik sprechen.
4
»Wenn
ich ein Wort verwende«,
sagt Humpty Dumpty, das Ei auf der Mauer, zur kleinen Alice, »dann
bedeutet es genau das, was ich es bedeuten lasse - nicht mehr und
nicht weniger.«
- »Die
Frage ist doch«,
wirft Alice ein, »ob
du den Wörtern einfach so viele verschiedene Bedeutungen geben kannst«.
- »Die
Frage ist«,
sagt Humpty Dumpty, »wer
die Macht hat - das ist alles.«
Selbst im Wunderland hinter den
Spiegeln entpuppen sich Bedeutungsfragen als Machtfragen. Daß sich
dies in der realen Welt anders verhält, darf man mit guten Gründen
bezweifeln; und vielleicht wird man dann auch eingestehen müssen,
daß trotz aller sympathischen Versuche, der Einwegkommunikation des
öffentlichen Raums eine poetische Gegenkommunikation
unterzuschieben, die symbolische Sprache der Städte im wesentlichen
das geblieben ist, was Jean Baudrillard eine »Rede
ohne Antwort«
genannt hat. Zu ungleich sind wohl die Gewichte verteilt, als daß
sich das urbane Display durch die homöopathischen Infiltrierungen
der Street Art tatsächlich umcodieren ließe. Man kann die
Tristesse der Wirklichkeit tapezieren, wie man will: eine Mauer
bleibt eine Mauer. Weder elende Einkaufszentren noch vulgäre
Billboards ändern durch die subversive Bastelei ihre Bedeutung, und
die Einschüchterungsgesten der Investorenarchitektur werden durch
sie genausowenig einladend wie die öden Trabantensiedlungen
erträglich oder die Autobahnkleeblätter grün. Ja, nicht einmal
die Wut auf alles das findet hier so recht ihr Ventil; denn die
Massen eilen an den straßenkünstlerischen Erzeugnissen mit
demselben ratlos-apathischen Desinteresse vorbei, mit dem sie sich
auch die Häßlichkeiten des Alltags gefallen lassen (sofern sie
nicht das Gekritzel und Geklebe ohnehin zu diesen Häßlichkeiten
rechnen). Daß die gutgemeinten Gegenzeichen in eine subkulturelle
Selbstbefriedigungsveranstaltung abzudriften drohen, liegt
allerdings nicht allein an ihrer Marginalität. Es hat auch mit der
kaum auflösbaren Ungereimtheit jeder selbstautorisierten
Symbolsetzung im öffentlichen Raum zu tun, einer behaupteten
Privatisierung des Urbanen nur die Privatisierung mit anderen
Mitteln entgegensetzen zu können. Was als kritische Entäußerung
gemeint ist, wird andernorts als visuelle Enteignung wahrgenommen;
was sich selbst als Beitrag zur Emanzipation begreift, wird als Akt
der Bevormundung verstanden. Und man stellt fest, daß den
vorgeblichen Zeichen für das Ausgeschlossene selbst ein
ausschließender Distinktionsmechanismus innewohnt: nämlich der
einer narzißtischen Reviermarkierung, die eine Grenze zwischen dem
elitären Netzwerk der Eingeweihten und dem Heer der
verständnislosen Spießer ziehen soll. Die Glaubwürdigkeitsfalle
schnappt unvermeidlich zu. So sind es schließlich gerade nicht die
funktional-ökonomischen Korsetts der Stadt, die zum Ziel des
allgemeinen Zorns werden; es sind vielmehr die semiotischen
Zweckentfremdungsmanöver, gegen die das Publikum reflexartig eben
jene Normalverhältnisse in Schutz nimmt, die zu demaskieren die
ästhetischen Aktivisten angetreten waren.
Doch was eigentlich, bei Licht
besehen, entlarven die symbolischen Okkupationen der Street Art?
Möglicherweise vor allem: sich selbst. Was sofort auffällt, ist
ihr unzweifelhaft gutes Gespür für frisches Design, für den
griffigen Spruch, den überraschenden Witz, die clevere Idee. Das
sind unübersehbare Qualitäten; aber doch eher solche, wie man sie
von berufsjugendlichen Kreativdirektoren erwartet, die ihre Büros
mit Kickern und Cappuccinomaschinen ausrüsten und mit 35 ihren
ersten Herzinfarkt erleiden. Die stilistische Nähe besonders des
elaborierteren Post-Graffiti zu den Bildwelten der
Lifestylemagazine und Werbeagenturen jedenfalls ist irritierend. Ist
das nicht alles eine Spur zu modisch, zu glatt, zu cool, zu
gutgelaunt - als gäbe es was zu lachen? Ist das noch authentische
Dissidenz - oder schon gegenkulturelle Wellness? Vielleicht sind es
deshalb ausgerechnet jene stumpfsinnigsten, ungelenksten
Hervorbringungen der Szene, die weder eine halbwegs annehmbare Optik
aufweisen noch einen vernünftigen Slogan hinbekommen, an denen der
gerechte Zorn auf die städtischen Zähmungsapparaturen unverdünnt
zu spüren ist. Und vielleicht müßte es ja genau darum gehen:
Symbole zu hinterlassen, die nicht angenommen werden und nicht
vernünftig sein wollen; Spuren, die sich nicht umstandslos als
fesches Layout konsumieren oder in eine Botschaft auflösen lassen;
Schmierereien, die sich in der Unerträglichkeit ihrer Form gegen
die sublimierende Einverleibung sperren; Zeichen, die, weil sie so
augenscheinlich gar nichts bezeichnen, offen genug sind, um
tatsächlich neue Bedeutungen aufnehmen zu können und als
Indikatoren sozialer Exklusion lesbar zu sein. Das nämlich ist das
Dilemma einer Urbanismus- und Gesellschaftskritik mit der
Sprühdose: daß jeder Versuch, die archaisch verweisungsfreien
Nestbeschmutzungen ästhetisch oder inhaltlich zu füllen, aus
widerständigen Abwesenheitsnotizen dienstergebene Funktionsträger
macht. Die Arbeit an der Aussage führt so zur schnellverdaulichen
Phrasendrescherei, die der Informationsflut des öffentlichen Raums
lediglich weitere Parolen hinzufügt: man ist gegen Krieg und für
den Frieden, gegen Abschiebung und für die Freilassung von Mumia
Abu-Jamal, gegen Atomkraft und für das Recht auf den gepflegten
Drogenrausch - und teilt das der Menschheit umgehend mit. Die Arbeit
an der Form dagegen führt in die Arriviertheit der Kunst: ein Star
wie Banksy hat es dann nicht mehr nötig, seine Werke (wie noch vor
wenigen Jahren) heimlich in die Museen zu schmuggeln; stattdessen
gehen die Originale - nach kurzer Quarantäne im subversiven
Durchlauferhitzer - bei Christie's oder Bonhams für fünf- und
sechsstellige Pfundbeträge über den Tresen, während den weniger
betuchten Fans die Reproduktionen als Coffee-Table-Books feilgeboten
werden. Und das ist immerhin noch ehrlicher als etwa die
Selbstauslieferung von Street-Art-Größen wie Zevs oder Blu, die im
Sommer 2006 das Wuppertaler Stadtgebiet in einer konspirativen
Nacht-und-Nebel-Aktion mit ihren Werken überzogen - eingeladen,
finanziert, generalstabsmäßig geplant und an der Sicherheitsleine
geführt von den PR-Leuten eines österreichischen
Koffeinbrausekonzerns.
Nonkonformismus ist käuflich und verkauft sich gut. Wie aber entkommt man einem System, das sich
selbst den Dissens noch als radical chic einverleiben kann?
Man mag davonrennen und Haken schlagen, indem man jedes Jahr eine
neue Variante der urbanen Dekoration erfindet: man kachelt
Freiluftmosaike, fräst mit Hochdruckreinigern blendendweiße Logos
in den Schmutz der Fassaden, baut Miniaturdioramen aus
Spielzeugfiguren in die Winkel der Stadt. Doch das wird schnell zum
Wettlauf zwischen Hase und Igel, bei dem die Widerspenstigkeit der
Street Art sich totläuft und ihre kommerziellen Nachlaßverwalter
auf eine schöne Leiche warten. Gerade weil die ästhetischen Mittel
der »semiologischen
Guerilla«
(Umberto Eco) dem Design bisweilen ununterscheidbar nahestehen, gibt
es kaum mehr ein Instrument aus dem alternativen Werkzeugkasten, das
nicht seinerseits ökonomisch entwendet und mit geborgter street
credibility unter die Zeichen des öffentlichen Raumes gemischt
würde. So wandelt sich die dissidente Geste zum umsatzfördernden
Geschmacksverstärker und der artist zum nützlichen Idioten einer
Werbeindustrie, die er kostenlos mit Ideen beliefert. Die Opfer
dieses Diebstahls wiederum dürfen sich über die feindliche
Übernahme nicht einmal beklagen, ist doch die Wiedereinsetzung
fremder Elemente in eigene Diskurse genau ihre Taktik. Ihre
Subversion indes endet tragisch: als affirmativer Wurmfortsatz eben
jener Wirklichkeit, die sie einmal unterminieren wollten.
Umso trauriger und umso schöner,
umso nutzloser und umso wichtiger, daß überall, Tag für Tag, so
viele unverbesserlich Hoffende versuchen, die Möglichkeit des
Gegenteils zu beweisen. Es ist ein verdammt schmaler Grat, auf dem
sie balancieren wie Humpty Dumpty, das Ei auf der Mauer.
Und selbst das fällt bekanntlich
herunter.
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des Textes:
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