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Tauchen
Andererseits, hätte sie es
nicht getan: wie lange hätte sie bestanden? Die Luft anhalten, bis einem der
Kopf springt? Ihr Kopf war aus Glas, die Sprünge, die feinen Haarrisse, wann wäre
alles in Scherben geborsten? Jetzt tat er ihr fast leid, so zusammengefaltet im
Sessel, den Kopf seitwärts etwas zurückgelehnt. Sie fühlte sich auftauchen,
sie wußte nicht genau, woraus, aber ohne Eile, etwas benommen fühlte sie sich
dahingleiten. Atmen. Sie schloß die Augen. Atmen.
Draußen dämmerte es, und seine Konturen verloren an Schärfe. Sie zögerte
einen Augenblick, aufzustehen und das Licht anzumachen. Es wäre ein warmes
Licht gewesen, das wußte sie, es war noch dasselbe wie früher, als das ihr
Zimmer gewesen war. Sie blieb sitzen. Es hatte sich gar nicht so viel verändert,
dachte sie. Der Sessel, auf dem er jetzt saß, war neu. Ihr Bett war
verschwunden, ja. Der Schrank aber stand unverändert an der selben Stelle wie
immer. Früher hatte sie ihn vom Bett aus sehen können, er war ihr größer
vorgekommen, damals. Sie hatte nie Angst gehabt vor den Geistern im Schrank. Am
Anfang hatte sie manchmal gehofft, sie würden aus dem Halbdunkel heraustreten,
mächtige Gestalten, den Türrahmen ausfüllen, den Weg zum Flur versperren.
Dann hatte sie nur mehr gehofft, sie würden sie mitnehmen, irgendwohin. Später
wußte sie, daß es im Schrank keine Geister gab.
Als sie das Feuerzeug nahm, sah sie, daß ihre Hände zitterten. Sie hustete,
der Rauch war scharf, aber wenigstens merkte sie, daß sie wieder an der Oberfläche
war. Sie blickte hinüber und hörte sich reden,
aber sie verstand seine Antworten nicht. Redete sie überhaupt? Eigentlich müßten
sie bald kommen, sie zählte bis sechzig, eine Minute. Sie war ausdauernd im Zählen
gewesen, einmal war sie bis zweitausend gekommen, da war sie vielleicht acht.
Ihr gegenüber tickte die alte Wanduhr, aber es war inzwischen zu dunkel, um
die Ziffern noch zu erkennen. Die Gestalt im Sessel bewegte sich nicht. Sie
hatte geglaubt, er würde wieder aufstehen, wie immer, lachend, stark,
einnehmend. Jetzt aber hatte er fast etwas zerbrechliches an sich. Die Grenzen
zwischen ihm und dem Hintergrund schienen ihr seltsam verschwommen im Dämmerlicht
des Zimmers, als würde er in den Raum auslaufen, wie etwas Undichtes, Verschüttetes.
Der Verdacht war auf einmal gekommen, ein Schlag, und mit ihm die Erinnerung.
Die Risse im Glas, die Geister im Schrank. Sie hätte es doch merken müssen.
Da hatte ihr Bett gestanden, dachte sie, an der Decke darüber war die Stelle
abgeblätterter Farbe, eine winzige Stelle, fast unsichtbar, aber sie konnte
sie sehen, ohne hinzublicken. Wie oft hatte sie sie gesehen, erahnt. Damals:
Das Warten, das Hoffen, das Weiterwarten, vielleicht heute, morgen,
Weiterwarten. Zählen, eins, zwei, bis tausend. Weiterwarten. Jetzt: Ein
anderes Leben, nicht mehr sie, aber doch fast, und wieder dieselbe Angst. Sie
war sieben gewesen, ihre Tochter war erst sechs. Sie sog an der Zigarette, mein
Gott, sie hätte es doch merken müssen, sie gerade.
Sie hustete wieder, sie würde noch ersticken an dieser Zigarette. Ihr war übel;
im Bad, den Kopf vornüber, stieg ihr der bittersaure Geschmack in die Nase,
aber ihr Mund war wieder frei, nur ihre eigene Zunge. Sie wusch sich das
angetrocknete Blut von den Händen, das Rauschen, woher kam bloß das Rauschen?
Dann sah sie wieder scharf, ihre Umrisse im Spiegel, die Kacheln. Das Rauschen
war weg, alles lag klar vor ihr, die ruhigen Hände, so geordnet. Am Telephon müßte
noch Blut sein, dachte
sie, und am Sessel. Sie hörte etwas im Treppenhaus, Schritte nach oben.
Endlich. Sie ging zurück in das Zimmer. Dort vorne müßte es sein, dachte sie
und kniff die Augen zusammen, ein Schatten noch. Die Schritte draußen wurden
lauter, Stimmen. Sie blickte angestrengt in das Dunkel. Der Schatten war
verschwunden.
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