freischwimmer > texte > zugzwang
Zugzwang
Ganz schön abgefahren: das Streckennetz des MVV als 24-Stunden-Marathon. Von einem Sonnenaufgang zum nächsten, über und unter Tage. Und ohne einen Pfennig Geld in der Tasche. Eine Odyssee im Innen- und Außenraum.

 

Wollomoos ist nichts gegen Fernweh. Eher im Gegenteil. Es gibt eine Berg- und eine Talstraße, dazwischen eine Hangstraße, und damit ist bereits das Wesentliche über Wollomoos gesagt. Zu behaupten, man sei in der Nähe Augsburgs oder des Schrobenhausener Spargellandes, wäre ein geographischer Euphemismus. Wer hierher kommt, den erwartet nichts; wer wieder fährt, wird keine Erinnerung mitnehmen. Die Orte der Umgebung tragen seltsame Namen wie Xyger, Plixenried oder Sixtnitgern, und falls, was unwahrscheinlich ist, hinter den sanft gewellten Hügeln von Tödtenried Abenteuer und Freiheit und unermeßliche Weiten auf einen warten sollten, so müßte man zu Fuß hinlaufen. Denn in Wollomoos ist die Welt zuende, zumindest die mit den Münchner Verkehrsbetrieben erreichbare.

Allein das zählt heute. Einen ganzen Herbsttag lang, 24 Stunden, werde ich unterwegs sein auf den vielen bunten Linien des MVV, von Endstation zu Endstation, und werde darauf warten, daß etwas passiert. In meinen Taschen befindet sich außer dem Fahrschein und einer Notration von fünfzehn Keksen nicht viel, vor allem kein Geld. Das sind die Spielregeln, der Rest wird sich ergeben. 24 Stunden: Ziemlich genau 600 Kilometer schafft man in dieser Zeit. 600 Kilometer S-Bahn, U-Bahn, Bus und Tram. Würde man nicht wie ich immer nur im Kreis fahren, käme man damit bis weit über den Brenner, nach Bozen, Verona, Venedig. Wahrscheinlich würde es auch noch für eine Gondel reichen, über den Canal Grande zum Markusplatz; 15 Grad hätte es da, man säße angenehm in einer Cafeteria bei cappuccino und einem dolce, und vielleicht würde man später hinüberschlendern zum Dogenpalast, ein paar Tauben füttern und ein wenig in die italienische Novembersonne blinzeln. Allerdings wäre das Ganze nicht für 18 Mark zu haben - soviel kostet die Tageskarte für das gesamte Tarifgebiet des MVV; die Deutsche Bahn bringt einen für dieses Geld gerade mal bis Bichl, einfache Fahrt. Man stünde dort und käme nicht mehr zurück, und wer will das schon?

Die Reise beginnt da, wo die Stadt gesichtslos zuende geht, mit Wohnburgen aus Beton und asphaltbegrenztem Verkehrsinselgrün. Neuperlach kurz nach vier am Morgen, es ist finster, es regnet, es ist kalt, und daran wird sich nicht allzuviel ändern im Laufe des Tages. Zwischen den dunklen Häuserblocks tappen schläfrige Menschen, die von ihren Hunden spazierengeführt werden. Hartes Neonlicht im U-Bahnhof, drei Männer von der ersten Putzkolonne in orangen Overalls, zwei Aktentaschenträger; man gähnt sich gegenseitig an. Dann atmet es aus dem Schacht, ein Pfeifen, ein Lufthauch, 4 Uhr 15, der erste Zug. Es geht los.

Im stillen Hauptbahnhof legt sich das Summen der stehenden Loks über die weite Halle. Wenigstens haben sie im Zug nach Geltendorf die Heizung angestellt, man kann sich aufwärmen, während man in die Nacht hinausrollt. Es geht an verlassenen Bahnsteigen vorbei, und Helligkeit gleißt für einen Moment die Schienenstränge entlang. Von fern tauchen aus dem Dunkel rote Positionslampen auf und stumme Lichterprozessionen, die eine Straße anzeigen. Hier und da, unvermittelt und aus dem Zusammenhang gerissen, nähern sich erleuchtete Fenster wie ins Nichts gehängte, schwarz gerahmte Gemälde.

An der Endhaltestelle hauche ich Wolken in die eisige Luft. Drei Dutzend Pendler stehen in einvernehmlichem Schweigen beieinander. Worte würden vielleicht gefrieren, zu Boden fallen und zerspringen wie Glas. Auch während der Rückfahrt spricht keiner, die Gesichter verschwinden hinter großformatigen Zeitungsbögen. Ich versuche, einige Nachrichtenbrosamen zu ergattern.

S-Bahn mit 200 Fahrgästen entführt steht irgendwo. Eine surreale Vorstellung. Drückt man dem Zugführer eine Pistole in den Nacken und zwingt ihn, auf der Stelle den Kurs zu ändern und nach Rio de Janeiro zu fahren? Wird man auf diese Weise berühmt? Preßt man so Gesinnungsgenossen aus libanesischen Gefängnissen frei? Absurd. Ein Flugzeug zu kapern, einmal hinfliegen, wo man hin möchte, das hat wenigstens Stil, auch wenn man am Ende vielleicht von einem Sondereinsatzkommando erschossen wird. Aber ein Verkehrsmittel, mit dem man bestenfalls nach Freising kommt, das ist doch eher was für Dilettanten. Da kann man ja gleich dem Nachbarskind das Dreirad wegnehmen.

Pasing, 6 Uhr 5. Weiter nach Nannhofen und wieder zurück. Draußen blickt man in ausgestorbene Werkshallen, in denen Rätselhaftes steht, in neonhelle Büros, leere Wirtsstuben. Und in Wohnzimmer, wo hinter durchsichtigen Vorhängen fahlgelbes Licht schimmert. Ausschnittweise zieht das Leben anderer Leute vorbei, und für Sekundenbruchteile bin ich dort, drinnen ist es warm. Es dämmert. Vor den Fenstern wird die Landschaft zum grauen Schattenriß, in dem sich eine armselig schiefe Allee dürrer Bäume in einen verschwimmenden, blaunebligen Himmel streckt.

Später, an der Seepromenade von Starnberg. Vorne schwappt trübes Wasser an die schweren Steinquader. Weiter hinten wird alles - See, Himmel, die bewaldeten Ufer - zu einem dunstigen Brei. In der Zwischenzeit bin ich in Herrsching gewesen, dann noch einmal am Pasinger Bahnhof; es duftete nach frischen Croissants, und Menschen wärmten sich an Kaffeetassen und Zigaretten. Ich hatte zum ersten Mal Hunger.

Den müssen die Vögel hier nicht haben. Denen wird von einer Frau in blauem Regencape das Futter säckeweise hingeschüttet. Im seichten Wasser streitet sich mit beständigem Schmatzen ein verwirrendes Knäuel dutzender Bleßhühner, Enten, Tauben, Möwen und Haubentauchern um die gelbe Körnerschicht. Dazwischen und darüber stakst ein halbes Hundert mißgünstiger Schwäne, kaum darum bemüht, besonders majestätisch auszusehen. Vielleicht sind sie es, wenn sie in einiger Entfernung über das Wasser gleiten, dann mag man sie für anmutig oder romantisch halten. So nah und im Rudel, gierig nach dem Hingeworfenen schnappend wie wildgewordene Kaufhauskunden am Schlußverkaufswühltisch, verlieren sie ihren Zauber. Die Schwäne auf den Postkarten haben lange, schneeweiße Hälse; diesen hier sitzt der Kopf unelegant auf einem dicklichen, gelbpelzigen Siphon. Möglicherweise wollen sie auch gar nicht mehr so strahlend sein, die Saison ist vorbei, und Schönheit lohnt sich wahrscheinlich nicht wegen der paar Gäste, die jetzt noch an den See kommen.

Drüben am Kiosk besehe ich mir König-Ludwig-Bierkrüge, goldbordiertes Röschenmusterporzellan und Karten mit nackten Frauenhintern vor Alpenkulisse. Auch Wolpertinger gibt es, Bären in Lederhosen und anderen Unrat, den man in Husum oder Wolfenbüttel vielleicht für bayrisch hält. Ob es sich denn lohnt, Ende Herbst noch hier zu sein, frage ich den Mann hinter der Theke. Nö. Aber wir sind immer da, seit zehn Jahren, jeden Tag, auch im Winter. Nebenan sitzt ein gelber Elektro-Papagei aus Plüsch in einem Plastikkäfig und quäkt Ja, wen haben wir denn da? Antworte mir, hahahaha. Wenn man ihn mit einer Mark füttert, legt er ein Ei.

Am Bahnhof Laim, um die Mittagszeit, gesellt sich ein etwa achtzigjähriger, blau bemantelter und behüteter Herr zu mir und beginnt zu schimpfen, über die Zugverspätungen, die schwindende Rücksicht auf ältere Menschen und darüber, daß sonntags keiner mehr in die Kirche geht. Ich nicke und sage aha und mhmm, soso, sehr interessant. Hoffentlich, denke ich, fängt er jetzt nicht an, vom Krieg zu erzählen, davon, daß damals alles besser war, und ich stehe dann da mit meinen Ahas und Mhmms und einem schwachen, protestierenden Aber. So schlimm wars seit dem Krieg nicht mehr mit den Verspätungen! sagt der Herr in diesem Augenblick.

Mein Hunger wird größer. In Dachau duftet es aus Orans Feinkost sehr verlockend nach Döner Kebap. Nicht teuer, aber zu viel, wenn man kein Geld hat. Ein paar Stationen weiter, in Altomünster, wo die Bahngleise mitten im Ort einfach aufhören, sitze ich eine Weile in der stillen Kirche und betrachte die Totenschädel, die in einer tuffsteingemauerten Seitenkapelle aufgestapelt sind. Jeder Platz auf den dunklen Holzbänken hat ein frakturgemaltes Namensschild aus Email; an den Wandtafeln, wo die Sterbebildchen der Gefallenen aufgeklebt sind, trifft man manche der Namen wieder, unter ein Eisernes Kreuz geschrieben, Heldentod in Frankreich oder Rußland. Draußen, im Kirchhof, liegen unter einem Apfelbaum die letzten Früchte im nassen Gras. Ich bin gerettet. Apfelkauend geht es weiter nach Wollomoos, wie gesagt.

Allmählich gleichen sich die Bilder, die kaum wahrgenommen vor dem Zugfenster vorbeirauschen. Erding, Ebersberg, Holzkirchen, auf jeder Strecke dieselben stählernen, graffitibesprühten Wartebaracken mit den blinden Milchglasscheiben, die Industriegebiete, die BayWa-Silos und die Zweifamilienhäuschen hinter dem Bahndamm, mit ihren kleinen, sorgsam gescheitelten und umzäunten Gärten. Es ist eine banale Szene, herausgeschnitten aus einem Film, der spannender sein muß als diese Sequenz, und an den Enden zusammengeklebt zu einem ermüdenden Endlosstreifen. Irgendwo hinter Markt Schwaben ist es dunkel geworden, und dann liegt plötzlich Schnee auf den Feldern, der erste des Jahres und genauso pappig und schnell vergangen, wie es erster Schnee immer ist. Ich döse ein wenig, denn wenn ich hinausschaue, sehe ich sowieso nur noch mein eigenes Spiegelbild. In meinem Bauch rumpelt es; die Äpfel waren sauer und haben nicht lange vorgehalten. Die Keksration ist bald verbraucht.

Warum zur Hölle hat der Kerl Sandalen und Boxershorts an? Mag sein, daß er erst vor wenigen Stunden in Thailand ins Flugzeug gestiegen ist, aber muß man deswegen hier am Münchner Flughafen so haarsträubend herumlaufen? Jetzt winkt er hinter der Scheibe, ruft etwas, das man draußen natürlich nicht versteht. Nach ihm fahren noch mehr Kurzhosenträger die Rolltreppe herunter und drängeln sich durch die Paßkontrolle, dann erscheinen zugeknöpftere Passagiere, die kommen aus London. Es wäre schön, jetzt auch jemanden zu erwarten, ein Winken da drüben gälte mir, und ich säße nicht so sinnlos auf den blauen Polstersitzen im Korridor vor der Ankunftshalle.

Zurück in München setze ich mich in die U-Bahn, es ist nicht wichtig, wo sie hinfährt, ich möchte lediglich nicht frieren. Am Stachus schleiche ich durch ein Schnellrestaurant und inspiziere die Tische, nur für den Fall, daß jemand eine halbe Portion Pommes frites liegengelassen oder einen Schluck Cola nicht ausgetrunken hat. Es ist komisch, wie schnell man auf seine Grundbedürfnisse reduziert ist, auf Essen, Schlaf, Wärme. Unten in der U-Bahn-Station beobachte ich eine Weile die wartenden Menschen und überlege mir, nur zum Zeitvertreib und um nicht einzuschlafen: Wenn jetzt einer spränge, wer könnte es sein? Würde man es ihm anmerken, an einem Zittern vielleicht, einer unruhigen Anspannung? Oder wäre er ganz gefaßt, unauffällig, und man würde überrascht sein und sagen: was, ausgerechnet der?

Warum springt einer überhaupt? Weil er nicht mehr weiß, wie es weitergehen soll? Oder weil er genau weiß, wie alles weitergehen wird? Hört er das Rauschen in der Röhre neben sich, beginnt zu zählen, eins, zwei, jetzt muß sie kommen, und wie oft zählt er, ohne es zu schaffen, sich von der Kante abzustoßen? Und dann, wenn man im Augenblick des Fallens es sich anders überlegte, für einen winzigen Moment auf das Aussetzen der Schwerkraft hoffend, wenn man zurück wollte auf festen Boden und man würde gleichzeitig wissen, den hat man hinter sich gelassen, endgültig? Ach, überhaupt, sich auf die Gleise zu werfen, das ist im Grunde phantasie- und obendrein rücksichtslos. Der Bahnführer bekommt einen Schock, der Fahrplan gerät durcheinander, die Passagiere sind genötigt, ihre Zeit sinnlos in zugigen Untergrundstationen zuzubringen, und irgendwer schließlich muß die traurigen Überreste zusammenklauben. Ein anständiger Mensch wäre bemüht, seine Mitwelt so wenig als möglich zu inkommodieren und würde vielleicht Gift nehmen, sich erschießen, ertränken, jedenfalls andern das unschöne Spektakel ersparen. Persönlich würde ich den Schierlingsbecher bevorzugen, ein sokratischer Tod, es müßte schnell gehen, schmerzlos, ohne üble Folgen für die Physiognomie, aber das sind eher hypothetische Überlegungen.

Nach Mitternacht ist der Wartesaal des Hauptbahnhofes Zuflucht für ein sehr gemischtes Publikum. Die einen sitzen hier, um auf ihren Zug in den frühen Morgenstunden zu warten. Die anderen warten eigentlich auf gar nichts, höchstens darauf, daß die Nacht zuende geht; für sie ist der Zug schon lang abgefahren. An der Bahnhofsmission habe ich vergeblich auf ein spätes Abendessen gehofft; in den Schließfächern und den Geldausgabeschächten der Telephonzellen waren keine Schätze verborgen, jedenfalls nicht einmal genug, um eine der blitzsauberen McClean-Toiletten von innen bewundern zu können.

Die letzten Stunden ziehen sich. Gegen zwei spuckt mich eine Nachttram am Max-Weber-Platz in den Nieselregen. Bis halb fünf Uhr ist noch Zeit, dann wird die erste U-Bahn zurückfahren. Ich gehe langsam. Hinunter zum Fluß, über die Maximiliansbrücke, an den Boutiquen vorbei, in denen die Hemden, Hosen und Jacken so minimalistisch verteilt sind, daß man sie für Ausstellungsstücke einer postmodernen Kunstsammlung halten könnte. In der einsamen Lobby des Vier Jahreszeiten regiert der horror vacui, und in den Straßen hallen nur meine eigenen Schritte von den Fassaden wider. Die Stadt gehört mir.

Er sei Arzt, sagt der Mann im Stachus-Untergeschoß, und sieht aus wie einer, der selbst einen Arzt nötig hätte. Einen Krankenwagen müsse man rufen, da hinten liege einer und brauche Hilfe. Da hinten liegen viele und bräuchten Hilfe, nur vielleicht keine ärztliche. So wie die alte Frau, sie hat wenige Zähne, dafür starken Bartwuchs, und sucht einen Platz zum Schlafen. Ich versuche ihr klarzumachen, daß ich sie nicht mitnehmen kann, aber sie versteht nicht und wiederholt beharrlich ihr sladnitscha. In einer Stunde, denke ich, bin ich zu Hause, und ich frage mich, ob es dafür in ihrer Sprache überhaupt noch ein Wort gibt. Sladnitscha könnte es sein, es hört sich angenehm an, aber wahrscheinlich bedeutet es genau das Gegenteil. Es klingt mir noch in den Ohren, als ich die Untergrundpassage längst hinter mir gelassen habe und an der Oberfläche die kühle, feuchte Luft eines neuen Tages einatme.


PDF-Version des Textes: